Als ich mich mit dem Thema Vaginaluntersuchung beschäftigte, fragte ich meine liebe Hebammenkollegin Annina Diebold nach ihren Gedanken zu dem Thema. Sie arbeitet im Moment intensiv an ihrem online Geburtsvorbereitungskurs und hatte natürlich einige Gedanken dazu. Annina schreibt:

“Vaginale Untersuchungen unter der Geburt –

 

meist kontrovers diskutiert, fast immer für nötig befunden, manchmal als unerträglich erlebt. Je nachdem, auf welcher Seite wir stehen, gibt es diese oder jene Meinung und Erfahrung dazu.

Ich selbst bin – mal wieder – eher auf der kritischen Seite zu finden. Und das aus verschiedenen Gründen.

 

Eine Untersuchung des Muttermundes ist – egal ob in der Schwangerschaft oder unter der Geburt – ein Eindringen in den intimsten Bereich der Frau. Es bringt mit sich, dass sie meist in einer hilflosen Position liegt, ihr Heiligstes Preis geben muss, oft eine ihr fremde Person sie untersucht. Das alles ist an sich sehr unnatürlich und widerspricht jedem Bisschen Säugetier-Reflexverhalten in uns. Wir würden uns normalerweise niemals vor Fremden so verletzlich auf den Rücken legen – schon gar nicht, wenn es auch noch gilt, unser Junges zu schützen.

Für überdurchschnittliche viele Frauen sind die vaginalen Untersuchungen um den Muttermund zu tasten eine Tortur und die Erfahrungen reichen von unangenehm über sehr schmerzhaft bis hin zu traumatisch.

 

Nun kommen aber viele Frauen offenbar nicht um dieses Prozedere herum, scheint es doch für die meisten Hebammen und Ärzte ein wichtiges Tool zu sein, um den Vorschritt einer Geburt zu dokumentieren oder sogar überhaupt zu erkennen (wobei der Nutzen der Untersuchung um den Stand der Geburt zu ermitteln ebenfalls umstritten ist, da Geburten viel zu individuell ablaufen, um immer von einem konkreten Ergebnis auf eine konkrete dazugehörige Diagnose kommen zu können). Wie also können wir diesen Konflikt zwischen den Interessen der begleitenden Personen und dem Wunsch nach Würde, Schmerzfreiheit und Sicherheit der Gebärenden lösen?

 

Für mich ist es wie so oft wieder mal eine Frage der richtigen Kommunikation. Und zwar auf Augenhöhe! Ich kann als Hebamme also erklären, warum ich in diesem Moment den Öffnungsstand des Muttermundes wissen möchte. Ist es mir wichtig, zu wissen, wie weit „wir“ hier sind (kann ich das eigentlich jemals wirklich? Auch mit millimetergenauen Messungen?)? Will ich tasten weil ich es eben immer so mache und das „dazu gehört“? Oder brauche ich den Befund zu Dokumentationszwecken, also verlangt es das System in dem Moment von mir?  Ist es nötig um einen der seltenen Notfälle auszuschließen (zB. den Vorfall der Nabelschnur vor das Köpfchen des Kindes)?

Diese Art der offenen und ehrlichen Kommunikation bringt mit sich, dass eine Gebärende auch die Möglichkeit bekommt, nein zu sagen. Weil SIE über ihren Körper entscheidet. Ich bin mir sehr sicher, dass keine Mutter eine Untersuchung verweigern würde, wenn ich einfühlsam und respektvoll klar stelle, dass es sich um eine Notsituation handeln könnte – ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass es für die werdenden Eltern immer eine außergewöhnliche Situation ist, in der sie mit sehr viel Feingefühl begleitet werden sollten!

 

Kommen jedoch die anderen Gründe in Betracht, dann bin ich der Meinung, dass ich mein Handeln hinterfragen darf.

Denn auch so eine kleine Maßnahme wie die vaginale Untersuchung kann der Anfang einer ernsthaften Störung des hochsensiblen Geburtsprozesses sein. Umso mehr, wenn sie unangenehm ist für die Frau oder gar mit echten Schmerzen verbunden. Ganz zu schweigen von dem Gefühl des Ausgeliefertseins und des Kontrollverlustes.

 

Die offene und respektvolle Kommunikation ist hier das A und O! Und zwar so, dass die Meinung der anderen WIRKLICH gilt. Auch, wenn sie nicht studiert hat, was man im Kreissaal alles wissen sollte. Denn sie ist und bleibt die Herrin über ihren Körper und jede Handlung, die nicht mit ihrer Einwilligung geschieht ist eine Zuwiderhandlung gegen geltendes Recht! Sie zu etwas zu nötigen, indem ich ihr Angst mache, sie bedrohe oder mit Worten erniedrige geht meiner Meinung nach nicht nur gegen die Würde der gebärenden Frau, sondern im selben Moment auch gegen meine eigene. Ich muss in der Lage sein, klar und präzise zu vermitteln, warum ich was tun muss. Und wenn kein dringlicher Notfall vorliegt, bin ich angehalten, mein routinegeprägtes Verhalten zu hinterfragen und zu überdenken. Und auch mal neue Wege zu wagen.

 

Denn ganz ganz oft braucht es die vaginale Untersuchung gar nicht – schon gar nicht als routinemüßigen Vorgang! In den meisten Fällen kann ich als Hebamme im Verhalten der Frau lesen, in ihren Tönen, Bewegungen, ihrer Art zu kommunizieren oder in sich selbst zu versinken. Daran, wie weit sie schon im Geschehen versunken ist und wie viel Kontakt sie noch zur „Aussenwelt“ hält.

Und wenn ich die Frau mit ins Boot hole, auf ihre Fähigkeiten zu gebären vertraue, ihr den Rücken stärke und den Raum halte für ihr eigenes Wissen und Fühlen, dann bin ich nicht mehr alleine damit, den Stand der Dinge erkennen zu müssen. Denn dann wird die Frau mir in den allermeisten Fällen untrüglich sagen und zeigen, wie weit die Geburt fortgeschritten ist und was gebraucht wird – oder auch, ob es eben nicht wie gewünscht vorwärts geht und andere Hilfen nötig werden.

 

Um das alles hören, fühle und sehen zu können braucht es – wie immer – Zeit und Ruhe. Und genau da kommen wir wieder an den herausfordernden Punkt der aktuellen Lage im Land: Zeit und Ruhe ist das, woran es am meisten mangelt. Aber das darf nicht zum Problem der werdenden Eltern werden!! Sie haben ein (Menschen-) Recht auf eine gut begleitete, würdevolle und sichere Geburt.

 

Dich als Frau unter der Geburt möchte ich darum dazu ermutigen, Dich zu informieren, alle Fragen zu stellen, die sich Dir zeigen, gut in Deinem Gefühl zu bleiben für das, was in dem Moment gebraucht wird – von Dir und von Eurem Kindchen! Und erbitte Dir IMMER die nötige Zeit, um Entscheidungen zu treffen oder Dich innerlich auf eine Maßnahme oder Untersuchung einzulassen, sollte sie nicht zu umgehen sein. Trau Dich, Dinge zu hinterfragen, nochmals nachzufragen wenn Dir etwas unklar sein sollte. Trau Dich, auch mal nein zu sagen wenn es sich falsch anfühlt. Und trau Dich, auf Dein Gefühl zu hören – kein Mensch steht Dir so nahe wie Du selbst! Und mach Dir immer und immer wieder bewusst, dass das hier DEIN Körper ist, DEIN Hohheitsgebiet!! Da darf niemand dran, der nicht ein klares JA von Dir vernommen hat! Du bist es wert, dass gewartet wird, bis Du dieses Ja wirklich geben kannst.

 

Denn vaginale Untersuchungen tun nicht per se weh! Es ist wirklich immer möglich, sanft und vorsichtig zu sein, mit der Mutter in Kontakt zu bleiben, jeden Schritt zu erklären und mit ihr zusammen und ihrem Einverständnis vorzugehen. Ich kann sie anleiten dazu, sich möglichst zu entspannen, zu atmen. Ich kann  ihre jeden Schritt genau erklären und ihr damit die Angst vor dem Unvorhersehbaren nehmen und ihr Vertrauen in mich und meinen Respekt vor ihr zu stärken. Selbst wenn dann der körperliche Vorgang unter Umständen ein unangenehmes Gefühl verursacht, wird die Seele so nicht den Schmerz davontragen, der entsteht, wenn wir übergangen, erniedrigt, erpresst oder gar willentlich verletzt werden. Der seelische Schmerz ist oft so viel größer und hält so viel länger an, als das, was der Körper in diesem Moment erfährt.

 

Meiner Erfahrung nach ist dieses Gefühl, mit allen in einem Team zu sein der Schlüssel zu einer guten Geburtserfahrung. Eine Geburt kann noch so schön „flutschen“, wenn die begleitenden Personen nicht freundlich, unterstützend und liebevoll mit den Gebärenden umgehen, entstehen so immer wieder tief sitzende Verletzungen. Und gleichzeitig habe ich lernen dürfen, wenn eine Geburt „von aussen betrachtet“ nicht optimal verlief, erleben die betroffenen Eltern das meist als weniger traumatisch, wenn sie respektvoll und emphatisch dabei begleitet werden und ihre Stimme wirklich gehört wird.

 

Am Ende geht es wieder ein mal um die Liebe. Wenn eine echte und tiefe Liebe zu allem was ist der Ausgangspunkt meines Handelns ist, stellt sich die Verbindung zu den Menschen, die ich begleite von ganz alleine ein. Und das ist es, was zählt.

Vor allem im sensiblen und letztlich heiligen Moment einer Geburt.”

Liebe Annina, ich danke dir für das Teilen deiner Gedanken und freue mich auf deinen Onlinekurs, der sicher eine große Bereicherung für alle Schwangeren ist!

 

 

 

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