24.09.2009

Liebe Hebammenschülerin Jule,

ich sehe dich, wie du dich zu den Frauen beugst, sobald du alleine mit ihnen im Kreißsaal bist. Wie du ihnen zuraunst: „Dies ist Ihre Geburt! Sie dürfen entscheiden, was sie tun! Lassen Sie sich nicht übergehen!“. Ich sehe dich, wie du mitten in der Nacht neben der Gebärenden hockst und jede Wehe mit ihr veratmest, bis dir schwindelig ist und du zusammenschreckst wenn jemand den Raum betritt. Ich sehe dich, wie du dich verstohlen umsiehst bevor du dich zu der Stillenden ins Bett kniest um sie dabei zu unterstützen, ihr Kind anzulegen.  Ich sehe dich, wie du dich mit dem weinenden Säugling auf der Neugeborenenstation zu der Mutter schleichst um es in ihre Arme zu legen, statt, wie dir aufgetragen wurde, es mit einem Schnuller zu beruhigen.

Ich sehe dich, wie du von anderen Hebammen belächelt wirst. Wie sie über dich reden und sich lustig machen. Ich sehe dich, wie du die Welt nicht verstehst und doch nur das Beste für Mutter und Kind willst. Ich sehe, wie du gegen den Strom schwimmst und deine Worte scheinbar nichts erreichen.

Liebe Hebammenschülerin, ich sehe, wie schwer du es hast. Ich sehe, dass du glaubst, du seist nicht richtig. Nicht gut genug. Falsch und verloren. Du bist es nicht. Du bist genau richtig. Es wird noch einige Jahre dauern, bis du deinen Platz finden wirst. Du wirst tief fallen und in Versuchung geraten alles aufzugeben.

Du wirst Briefe verfassen und Worte an Frauen richten, die Mutter werden. Du wirst ein Buch schreiben. Du wirst dich nicht verstecken müssen, im Gegenteil. Du wirst nicht laut und aggresiv sein, du wirst ruhig sein. Voll Liebe. Und deine Worte und Zeilen werden Frauen erreichen. Dein Buch wird in Buchhandlungen im Regal stehen. Dir werden Frauen mit Zuneigung und Wertschätzung begegnen. Du wirst deine Berufung leben und langsam verstehen, dass kein Schritt auf deinem Weg „umsonst“ war. Dass du nie falsch warst und all diejenigen, die dir respektlos, kränkend und verletzend begegneten dazu dienten, dich zu stärken und dich zu der zu formen, die du einst sein wirst. Du wirst ihnen dein Buch schicken. Voll Stolz und ohne Angst. Sie werden es vielleicht nicht verstehen. Nicht wertzuschätzen wissen. Doch du brauchst dich nun nicht mehr verstecken, auch wenn du in deinem Buch genau das tust, was du schon damals getan hast.

Liebe Hebammenschülerin, gib nicht auf. Versuche nicht weiter dich in das System zu pressen und Erwartungen zu erfüllen, die sich nicht richtig anfühlen. Geh deinen Weg und lass dich nicht beirren. Es ist schwer, doch es wird sich anfühlen als ob du deinen Lebenstraum leben wirst. DU WIRST DEINEN TRAUM LEBEN: Du wirst Frauen berühren und stärken. Du wirst ein Vorbild sein und deine Mühe und deine Arbeit, dein Kampf und deine Hoffnung werden Früchte tragen. Du wirst strahlen und ganz du sein können.

Und nun geh den Kreißsaal putzen und die Schränke auffüllen. Hadere nicht, vertraue.

In Liebe, deine Jule


 

Mutter werden- das Buch, findest du hier.

Die wundervollsten Bilder: Marcia Friese

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