Liebe Sophie,

heute sprachen wir über deine Unsicherheit. Vor wenigen Tagen bist du Mutter geworden und dir geht es wie so vielen Frauen in dieser Situation: es ist alles ganz schön viel auf einmal und es tauchen viele Fragen auf. Insbesondere in Bezug auf die Nächte mit deinem Baby fühlst du dich unsicher. Du schläfst nicht viel und wenn dann nicht tief.

Deine Unsicherheit

Stell dir vor, du würdest dich so kurz nach der Geburt ins Bett legen und jede Nacht tief und fest viele Stunden schlafen. Was du alles verpassen würdest! Nicht nur die aktuellen Bedürfnisse deines Kindes (dass Kinder in dem Alter mehrmals in der Nacht Nahrung brauchen ist völlig natürlich und gesund!) sondern du würdest auch eine wichtige Lernphase, ja ich will fast von einer Ausbildungszeit sprechen, verpassen. Diese Nachtzeit ist wahrscheinlich die intensivste Lernzeit, weil die Umstände optimal sind. Du bist von wenig anderen Dingen abgelenkt und kannst dich so voll und ganz auf dein Kind einlassen und es mit allen Sinnen wahrnehmen. Und das alles passiert von ganz allein, ohne dein bewusstes Zutun.

Jegliche Unsicherheiten in Bezug auf dein Kind und den neuen Alltag, all die kleinen, großen Fragen die sich dir stellen und auf die du spontan keine Antwort hast, richten deine Aufmerksamkeit auf das wesentliche. Typische Fragen, die in der ersten Zeit auftauchen wie etwa: „Ist das Kind warm genug angezogen? Trinkt es genug? Nimmt es genug zu?“lassen uns genau hinschauen und damit können wir eine Antwort auf die Frage finden. Natürlich ist es auch möglich diese Fragen zu googeln oder eine Fachfrau/einen Fachmann zu fragen. Doch oft beruhigt die Antwort unsere Unsicherheit nicht völlig. Und das ist gut so.

Deine Unsicherheit ist niemals unnötig oder  ein Zeichen von Schwäche

Selbst wenn faktisch alles „okay“ ist, die Hebamme dir also  zum Beispiel bestätigt, dass dein Kind genug zunimmt oder genug trinkt, ist es gut, dass du weiterhin wachsam bleibst und immer wieder im Kopf durch gehst, ob es passt, wenn du eine Unsicherheit verspürst. Denn so wirst du ein Gespür für die Dinge bekommen. Du wirst selbst lernen diese Fragen zu beantworten. Und das ist wichtig und großartig. Denn du darfst in deiner Zeit und nach deinen Möglichkeiten die Expertin für dein Kind werden. Nur wenn du immer wieder deine Antennen spitzt und Informationen zusammenträgst und daraus ein Bild entsteht, wird sich bald ein Bild davon ergeben, wie es ist, wenn alles passt. Dieses Zusammentragen von Informationen geschieht übrigens von ganz allein und ohne dein Zutun. Natürlich darf die äußere Einschätzung der Situation (also zum Beispiel das Wissen der Hebamme) ein Baustein sein, doch es darf durch weitere Faktoren ergänzt werden.

Aufmerksame Beobachtung als wichtigstes Werkzeug

Viele Fragen, die du dir selbst in Bezug auf dein Kind stellst, lassen sich durch genaue Beobachtung von dir selbst beantworten. So antworte ich oft auf solche Fragen mit einer Gegenfrage (wie unverschämt!). Das tue ich nicht, weil ich die Frage nicht beantworte  oder weil ich dich ärgern möchte, sondern weil ich sie schlichtweg nicht beantworten kann. Nehmen wir zum Beispiel die Frage, ob dein Kind nachts zu warm oder zu kalt angezogen ist. Ich kenne grobe Richtwerte und theoretische Gedanken dazu. Aber ich habe noch nie neben deinem Kind geschlafen und hatte so nicht die Möglichkeit zu erfahren, wie es für dein Kind ist! Ich konnte ihm nicht über die Stirn streicheln und ihm einen Kuss auf die Wange hauchen. Ich habe es morgens nicht aus dem Schlafsack genommen und konnte dabei fühlen wie warm seine Füßchen waren. Du schon.

Darum versuche ich also mit dir zusammen herauszufinden, ob dein Kind in der Nacht friert oder nicht. Du wirst mir die Fragen, wie es sich anfühlte, als du es in der Nacht zu dir geholt hast um es mit Nahrung zu versorgen, vielleicht mit einem Schulternzucken beantworten. Ebenso die Frage nach der Temperatur der Füßchen am Morgen. „joa, keine Ahnung“ wirst du vielleicht murmeln und denken, dass ich dich dabei ertappt habe, eine unaufmerksame Mutter zu sein. Doch das bist du nicht! Es ist völlig in Ordnung und überaus angebracht keine Antworten auf diese Fragen zu haben. Denn das wichtige und großartige ist: wenn etwas auffällig gewesen wäre, also dein Kind sich beim Stillen beziehungsweise dem Fläschchenfüttern schwitzig angefühlt hätte oder die Füßchen sich eiskalt am Morgen angefühlt hätten, du hättest meine Fragen sofort beantworten können. Nein, noch viel besser, du hättest mir die Frage nicht einmal gestellt, denn du hättest die Antwort selbst gewusst!

Unser typisches mütterliches Verhalten ist darauf ausgerichtet unsere Kinder kennen zu lernen und uns auf dieser Grundlage gut um sie und ihre Bedürfnisse kümmern zu können. Dazu brauchst du viel weniger deinen rationalen Verstand als deine wachen und aufmerksamen Sinne. Der Kuss auf die Wange unserer schlafenden Kinder ist viel mehr als eine Liebkosung. Es ist eine Sicherheitsmaßnahme. Wir entwickeln ein Gefühl davon, wie warm unsere Kinder in der Nacht sind, wie schnell und wie schwer sie atmen. Eine Veränderung dieser Barometer würde uns auffallen und unser Sicherheitssystem arlamieren. Ganz ohne zu wissen, wie die Temperatur, die Atemfrequenz sonst oder wie schwer eine Atmung normalerweise ist. Wir würden durch die Beobachtung und die Gewohnheit merken, dass etwas anders ist.

Statt zu googlen  lieber Sinne schärfen

Durch deine Unsicherheit, wirst du aufmerksam und beobachtest genau. Hierdurch schulst und schärfst du deine Sinne und entwickelst ein Gefühl dafür, wie es normalerweise ist. Ohne, dass du mir die Frage beantworten kannst wie warm die Füßchen am Morgen waren, wirst du mit der Zeit sicher sehen, dass es deinem Kind gut geht. Deine Unsicherheit wird sich in eine Sicherheit umwandeln und du würdest  schnell und  zuverlässig Abweichungen der Norm erkennen.

Den Ergebnissen der Suchmaschine würdest du zwar unter Umständen entnehmen, wie warm die Füßchen am morgen sein sollen (warm) und wie hoch die Atemfrequenz eines 3 Tage alten Kindes sein sollte. Doch dieses Wissen wird nicht zu Sicherheit führen. Im Gegenteil, die Suchergebnisse sind nicht selten völlig verunsichernd und teilweise auch falsch.

Hirn aus, Sinne und gesunder Menschenverstand an

Bist du jetzt im Begriff herauszufinden, wie hoch die Atemfrequenz deines Kindes sein sollte? Ich verrate es dir: wende dich deinem Kind zu und lausche dem Atem. Genau so hoch sollte die Frequenz sein. Nicht höher und nicht tiefer. Und jetzt drück deinem Kind einen sanften Kuss auf die Wange- du bist die beste und kompetenteste Mutter für dein Kind!

 

 

 

 

 

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