Würde man es merken, wenn mit dem Ungeborenem etwas nicht in Ordnung wäre? Und wie könnte man ein Gefühl für das Kind unter seinem Herzen entwickeln? Ist es schlimm, wenn man sich gar nicht „richtig“ schwanger fühlt, und könnte dies ein Indiz dafür sein, dass etwas nicht in Ordnung ist?
Fragen, die sich viele Schwangere stellen. Gerade in der ersten Schwangerschaftshälfte, in der noch keine oder nur sanfte Kindsbewegungen zu spüren sind, kann einen immer wieder eine Welle der Unsicherheit erfassen. Doch mit wem kann man diese Fragen besprechen? In der Praxis des Frauenarztes/der Frauenärztin scheint dafür oft wenig Raum und Zeit.

Ich freue mich so sehr, immer wieder Ansprechpartnerin zu sein und mir Zeit nehmen zu können, diese Fragen ausführlich zu beantworten. Für die kommenden Monate darf ich Ansprechpartnerin und Begleiterin für die Frauen sein, die an dem Programm „Mutter werden – deine Begleitung“ teilnehmen.

So schrieb mir vergangene Woche eine Frau am Anfang des zweiten Trimesters eine Mail mit der Frage, ob es ein Zeichen dafür sein könnte, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass sie sich oft „gar nicht schwanger“ fühle.

Ich möchte meine Antwort mit euch teilen, denn ich bin mir sicher, dass viele Schwangere diese Gefühle und Gedanken kennen.

Übrigens läuft aktuell noch die Anmeldephase für das Programm „Mutter werden – deine Begleitung“. Wenn du dir auch eine Begleitung durch die Schwangerschaft und die erste Zeit nach der Geburt wünschst, schreib mir gern! Ich freue mich, für dich da zu sein und dich als Teil des Programmes begrüßen zu dürfen. Neben meiner Begleitung durch Gespräche und Mails erhältst du ein Paket mit wundervollen Kleinigkeiten zur Geburt und echte Briefe zu dir ins Wochenbett. Ich garantiere dir, dass ich zeitnah zu Beratungsgesprächen zur Verfügung stehe, und lade dich zum Austausch mit anderen Schwangeren in einem geschützten Raum ein.

Natürlich ist eine Ratenzahlung möglich und es gibt noch freie Plätze! Schreib mir gerne, ich freue mich von dir zu hören! Mutterwerden-deinebegleitung@gmx.de

Hier nun aber mein Brief an Nora:

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Hallo liebe Nora,

es ist völlig in Ordnung, sich „nicht schwanger“ zu fühlen und nicht ständig daran zu denken. Gerade Frauen, die schon „größere Kinder haben, berichten immer wieder, dass sie selbst mit großem Bauch oft vergessen, dass sie schwanger sind.

Die Frage, ob du bemerken würdest, wenn “etwas nicht stimmen sollte” mit deinem Baby, ist eine schwierige Frage. Ich möchte sie gerne mit dir beleuchten und dir dazu ein paar Fragen stellen. Vorweg möchte ich dich aber wissen lassen: es gibt Zeichen, die du bemerken würdest, die ziemlich sicher darauf hindeuten würden, dass du und wahrscheinlich auch dein ungeborenes Kind ein Problem habt. Das könnten starke Schmerzen oder eine starke Blutung sein. Andersherum gibt es die sehr unwahrscheinliche Möglichkeit, dass dein Kind unbemerkt irgendein Problem hat, das du nicht mitbekommst.

Fragen, die sich mir stellen, sind folgende:
1. Was denkst du, was mit deinem Kind nicht stimmen könnte?
2. Wenn das, was du dir vorstellst, eintreten würde und du es erfahren würdest, gäbe es eine Möglichkeit zu handeln?
3. Sprichst du mit deinem Kind? Kannst du es fragen, ob alles stimmt?
4. Woher kommt die Idee, dass etwas nicht stimmen könnte und du es nicht bemerken würdest? Ist es ein Gefühl oder ein Gedanke?

Guter Hoffnung

Guter Hoffnung zu sein bedeutet, dass man zuversichtlich in die Zukunft schaut. Dass man etwas Positives erwartet, ohne sicher zu sein, dass es eintreten wird. Die fehlende Gewissheit macht die Hoffnung aus.

Schwanger zu sein, bedeutet guter Hoffnung zu sein. Weil wir natürlich das Beste hoffen. Und weil es niemals, wirklich niemals eine Gewissheit über den Ausgang gibt. Selbst wenn man (rein utopisch) eine Schwangerschaft vom ersten Tag an 24 Stunden am Tag per Ultraschall überwachen würde, gäbe es keine Gewissheit. Selbst dann, wenn (noch utopischer) eine Schwangere ab dem ersten Tag die gesamte Schwangerschaft in einem OP mit 24/7 Ultraschallüberwachung UND einem ständig einsatzbereiten Team an Operateuren mit Skalpellen in den Händen verbringen würde, gäbe es keine Gewissheit. Sicher, man würde ziemlich sicher früher erkennen, wenn etwas „nicht stimmen“ würde. Und wahrscheinlich gäbe es auch eine ziemlich geringe(!) Wahrscheinlichkeit, dass man etwas tun könnte, um es wieder „in Ordnung“ zu bringen. Höchstwahrscheinlich wäre das Problem in diesem Falle jedoch auch ohne ständige Schwangerschaftsüberwachung (wie oben vorgestellt) aufgefallen.

Die Schwangerschaftsüberwachung

Die Schwangerenvorsorge, die das Ziel hat, Komplikationen bei Mutter und Kind frühzeitig zu erkennen, orientiert sich bei uns an den Mutterschaftsrichtlinien, die immer wieder den aktuellen Forschungserkenntnissen angepasst werden. Die Empfehlungen darin sind nicht verbindlich, jede Schwangere darf frei entscheiden, welche Untersuchung sie in Anspruch nehmen möchte. Hebammen und Gynäkologen/innen sind dazu ausgebildet, eine Schwangerschaft zu überwachen, und haben die Aufgabe, Risikofaktoren zu erkennen und frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, wenn es Komplikationen gibt.
Die Untersuchungen und Maßnahmen werden so vorgenommen, dass möglichst alle Risiken und bekannte und mögliche Stolpersteine aus der Welt geräumt werden können. Du darfst also den Fachleuten, die dich durch die Schwangerschaft begleiten, vertrauen und dich jederzeit bei ihnen melden, solltest du das Bedürfnis haben, irgendetwas Außerplanmäßiges untersuchen zu lassen. Melde dich unbedingt bei ihnen.

Dein Gefühl zählt

Eine Schwangerschaft ist eine ungewisse Phase. Es ist eine empfindliche Phase. Dies war schon immer so und wird auch so bleiben, selbst wenn unser Drang, alles zu perfektionieren und zu optimieren, auch hiervor nicht halt macht. Auch die immer größeren und (technisch) besseren Möglichkeiten der Schwangerschaftsüberwachung können keine Gewissheit schaffen. Denn es gibt keine Gewissheit. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht zu erklären, nicht zu verhindern oder zu erzwingen sind. Statt sich in solch eine Utopie zu flüchten (etwa: viel (Untersuchung) hilft viel), hilft das, was schon immer möglich war und immer möglich sein wird. Hoffen. Und fühlen.
Hoffen bedeutet, das Gute zu erwarten, ohne eine Gewissheit darüber zu haben, dass es eintreten wird. In Bezug auf die Schwangerschaft könnte man es noch verschärfen: Hoffen bedeutet, das Gute zu erwarten mit dem Wissen, dass es auch ganz anders kommen kann.
Was im Umgang mit diesem Wissen hilft, ist uralt, und schon immer haben Frauen es getan: ein Gefühl und eine Beziehung zu dem Ungeborenen entwickeln.
Du bist schwanger geworden: da ist eine kleine Seele zu dir gekommen. Du (und dein Partner) gebt ihr die Möglichkeit, Mensch zu werden. Körperlich entwickelt es sich aus und in dir. Doch was für ein Mensch da zu euch kommt, wie er ist und was er mit sich bringt, das liegt nicht in eurer Hand. Wie lange diese Seele, dieser Mensch ein Teil dieser Welt sein wird, wisst ihr nicht. Es gibt keine Gewissheit darüber, wie der Lebensweg dieses Menschen verlaufen wird. Niemals. Weder vor seiner Geburt noch danach. Es gibt keine Gewissheit. Und das ist in Ordnung. Statt sich in dieser Ungewissheit zu verlieren, wünsche ich dir, dass du im Hier und Jetzt sein kannst.
Jetzt bist du schwanger und unter deinem Herzen wächst ein Kind. Warm und weich und geborgen liegt es da in der Gebärmutter. Du versorgst es mit allem, was es braucht. Dein Herz schlägt und dein Blut fließt zu deinem Kind und zurück. Dein Körper tut, ganz ohne deinen bewussten Willen, alles, was deinem Kind die Möglichkeit gibt sich zu entwickeln. Stell dir das mal vor! Mach die Augen zu und stelle es dir bildlich vor. Ein Wunder.

Mit dem Ungeborenem im Kontakt sein

Wenn ich davon spreche, dass du mit deinem Kind sprechen kannst, meine ich natürlich nicht, dass du auf die Frage „Hi Baby, stimmt bei dir alles?“ die Antwort „Jou Mutti, alles klar hier drin!“ erhalten wirst. Es geht vielmehr um ein Gefühl, dass du entwickeln kannst. Dieses Gefühl kann aus den Samen der Hoffnung und des Vertrauens wachsen. Grundsätzlich dürfen wir davon ausgehen, dass es unseren ungeborenen Kindern gut geht. Dass sie mit allem versorgt sind, was sie brauchen, und sich so entwickeln, wie es ihnen entspricht. Ausgehend von dieser positiven Annahme (trotz fehlender Gewissheit!), können wir ein Gefühl für das Kind und die Schwangerschaft entwickeln.
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