Ein Brief an jede Säuglingsmutter und jeden Säuglingspapa- ein Brief an dich.

Die Beikostzeit ist für viele Eltern eine spannende Zeit, in der es nicht selten zu Verunsicherungen, Sorgen und Druck kommt. Es stellen sich viele Fragen, auf die man viele unterschiedliche und teilweise fragwürdige Antworten erhält. Das Umfeld der Familie hat klare Vorstellungen, was richtig und wichtig ist, im Internet gibt es zig Tabellen, Fahrpläne und Empfehlungen. Es gibt dogmatische Kämpfe unter Müttern darüber, welche Beikostmethode nun die richtige sei und wann es für etwas zu früh oder zu spät sei. Dass es bei dem ganzen Thema eigentlich um ein Kind geht – um deines nämlich – wird dabei oft vergessen.

Ich behaupte also, dass es in der Beikostzeit primär um dein Kind geht. Dein Kind ist irgendwann ganz ohne Zutun so weit, andere Nahrung als die (Mutter-) Milch zu sich zu nehmen. Dies wird es höchst wahrscheinlich sehr deutlich zum Ausdruck bringen und genau dann ist (unter Berücksichtigung der Beikostreifezeichen, siehe unten) der richtige Augenblick, deinem Kind etwas zu essen anzubieten. Das Ganze wird allmählich in euren Alltag einfließen und schon bald wirst du feststellen, was dein Kind gerne isst und wie es gerne isst und es wird sich so anfühlen, als ob es nie anders gewesen sei. Es werden Tage kommen, an denen dein Kind riesige Portionen essen wird, und es werden Tage kommen, da mag es keinen Bissen essen. Das alles ist völlig normal, denn du kannst deinem Kind vertrauen, dass es weiß, was es braucht. Deine Aufgabe ist dabei vor allem, ein angemessenes Angebot bereitzuhalten, aus dem dein Kind wählen kann. Die Grundlage für eine entspannte und gute Beikostzeit sind Freude, Geduld, Vertrauen und Respekt deinerseits. Dies alles solltest du in dieser Zeit immer parat haben. Kommt es dir abhanden, bemühe dich darum, es zurückzugewinnen, gerne auch mit der Unterstützung anderer.

Da Wissen oft eine gute Grundlage ist, um den eigenen Weg zu gehen und die eigene Position zu finden, habe ich dir hier das wichtigste Wissen zu diesem wichtigen Thema aufgeschrieben:

Beikost heißt BEIkost, weil es eine BEIgabe zu der gewohnten (Mutter-) Milchnahrung ist. Sie hat zunächst das Ziel, dein Kind mit anderer Nahrung als der Milch bekannt zu machen. Es geht in den ersten Wochen nicht darum, dass dein Kind von der Beikost satt werden muss.

Das Ziel, durch die Beikost schnell und einfach abzustillen, wird meist nicht erreicht. Wenn du dieses Ziel verfolgst, ist die Beikost nicht der richtige Weg. Es geht nicht darum, in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Milchmahlzeit zu ersetzen. Es geht darum, dass sich dein Kind das nimmt, was es braucht und mag. Das kann und darf jeden Tag unterschiedlich sein. Es gibt viele Pläne und Ideen, wie, wann und was „neu eingeführt“ werden sollte, was der nächste Schritt ist und so weiter. Man kann sich nach einem solchen Fahrplan richten, muss es aber ganz bestimmt nicht. Da es um dein Kind und euren Familienalltag geht, geht es vor allem darum, dass das Thema Essen euren Bedürfnissen und auch Gegebenheiten angepasst ist. Diese werden von festgeschriebenen Plänen nicht berücksichtigt und dienen deswegen maximal als Orientierung auf dem Finden eures individuellen Weges.

Genauso gibt es keine Methode, die für alle die beste ist.

Doch es gibt wenige harte Fakten, die dir bekannt sein sollten und an denen nicht zu rütteln ist. Sie sind die Rahmenbedingungen, innerhalb derer ihr euch frei bewegen und euren eigenen Weg suchen könnt. Wenn du diese kennst und beachtest, wird die ganze Sache sehr unkompliziert und entspannt. Oft scheint das ganze viel komplizierter als es ist:

1. Wann der richtige Zeitpunkt ist, mit der Beikost zu beginnen, lässt sich nicht einzig anhand einer Zahl (des Alters beispielsweise ) ablesen, sondern an deinem Kind und den Beikostreifezeichen. Diese müssen ALLE erfüllt sein, bevor es losgehen kann. Du solltest dir also sicher sein, dass:

– dein Kind mit wenig Unterstützung aufrecht sitzen und den Kopf sicher und stabil halten kann. Halb liegende oder zurückgelehnte Haltungen wie etwa in manchen Babyschalen (die auf Hochstühle zu montieren sind oder Wippen) sind keine günstige Position, weil die Gefahr besteht, dass dein Kind sich verschluckt. Der sicherste und beste Ort ist darum auf deinem Schoß.

– der Zungenstoßreflex verschwunden ist, denn dieser führt dazu, dass dein Kind alles, was es in den Mund bekommt, automatisch wieder ausstößt. Wenn es das noch tut, ist es zu früh!

– die Hand-Mund-Koordination schon problemlos funktioniert. Du erkennst es daran, dass dein Kind sich Dinge mit der Hand greift und gezielt zum Mund führt.

– dein Kind deutliches Interesse am Essen zeigt und Freude daran hat, es zu probieren.

2. Beikost sollte zwischen dem fünften und dem siebten Lebensmonat eingeführt werden. Dies dient der Allergieprophylaxe. Beikost einzuführen bedeutet, deinem Kind das Angebot zu machen, andere Lebensmittel außer der (Mutter-) Milch zu kosten und soviel davon zu essen, wie es möchte. Es ist wichtig, dass der Organismus mit anderen Lebensmitteln in Kontakt kommt, um sie kennen zu lernen. Es geht dabei nicht darum, dass eine bestimmte Menge an etwas Bestimmten im Magen landet.

3. Es gibt Lebensmittel, die (mindestens) im ersten Jahr gemieden werden sollten. Dies sind Honig, Ahornsirup, Salz (sehr stark gesalzene Lebensmittel), Zucker und Zuckerzusätze, unzerkleinerte Nüsse, Bohnen, Samen und Erbsen, rohe Eier, roher Fisch und rohes Fleisch, Rohmilch und Salat. Außerdem „Fertiggerichte“, fettreduzierte Lebensmittel und Lebensmittelzusatzstoffe. Koffein und Alkohol in keiner Form und Kuhmilch mit Bedacht.

In welcher Form du deinem Kind das Beikostessen anbietest (nicht verabreichst!), hängt von den Bedürfnissen und dem Geschmack deines Kindes ab. Letztlich gibt es nicht „die eine richtige Variante“ für alle Kinder. Viele Kinder essen gerne selbst. Da sie zu Beginn der Beikostzeit motorisch noch nicht in der Lage sind, einen Löffel (Brei) sicher in den Mund zu führen, eignen sich in diesem Fall Lebensmittel, die dein Kind selbst greifen und essen kann. Es gibt zig Lebensmittel, die sich dazu eignen. Im besten Fall kannst du sie in die Form eines „Pommes“ bringen, dies ist eine gute Größe und Dicke, um sie selbst zu essen. Beispiele hierfür sind Brot, Gurke oder gedünstete Karotte. Wichtig ist, dass es eine Konsistenz hat, die dein Kind im Mund mit der Zunge am Gaumen zerdrücken kann. Wenn du dich weiter zu diesem Thema informieren möchtest, eignet sich Literatur zu dem Thema Baby led weaning. Unter anderem kann ich dir die Bücher meiner Kolleginen Anja Constanca Gaca empfehlen (das breifrei! Kochbuch) und von Eva Nagy (einmal breifrei, bitte!).

Andere Kinder lassen sich gerne füttern und mögen die breiige Konsistenz. Du kannst Breie selber kochen, auf Gläschen zurückgreifen oder Tiefkühlkost probieren. Natürlich lassen sich Brei und „selbst essen“ auch verbinden. Eine Mahlzeit so, die andere so oder in Kombination. Das Wichtige dabei ist, dass dein Kind selbst entscheidet, was und wie ,viel es essen möchte.

Ganz egal was du deinem Kind in welcher Form zu welcher Tageszeit anbietest – es muss ein ANGEBOT sein, das dein Kind ausschlagen darf! Deine wichtigste Aufgabe in der Beikostphase ist es, dein Kind kennen zu lernen und seine Bedürfnisse zu verstehen und ein gesundes Angebot an Nahrungsmitteln bereitzuhalten. Tabellen und Formulare werden dir dabei nicht helfen. Schau dein Kind genau an und geh mit ihm seinen Weg. Es isst gerne „Abendbrei“, aber nie am Abend, sondern eher am Mittag? Wunderbar! Käsestulle ist sein liebstes Mittagessen und Brokkoli ist sein bevorzugtes Frühstück? Warum nicht! Wenn du deinem Kind ein (gesundes) Angebot machst, kann und wird es das wählen, was es braucht und was ihm guttut! Es gibt keine Vorschriften, was wann gegessen werden muss – für keinen (gesunden) Menschen, ganz egal wie alt er ist. Geschmäcker und Bedürfnisse sind von Anfang an unterschiedlich.

Ganz gleich, ob du Brei oder festere Nahrung anbietest und/oder fütterst: die Grundlage muss dein Respekt und die liebevolle Haltung deinem Kind gegenüber sein. Es ist wichtig, die Grenzen und die Autonomie deines Kindes zu wahren. Niemals solltest du deinem Kind gegen seinen Willen etwas in seinen Mund schieben. Weder den Löffel noch etwas anderes. Dein Kind muss ganz klar zeigen und zu verstehen geben, dass es bereit für den nächsten Löffel oder den nächsten Bissen ist. Es gibt Kinder, die sehr viel Zeit brauchen. Hetze dein Kind nicht, dränge es nicht dazu, schneller zu essen und lasse es auf keinen Fall alleine, wenn es isst.

Zum Füttern solltest du wissen, dass das Abstreichen des Löffels am Gaumen und auch das „Abwischen“ des Mundes und des Bereiches darum mit dem Löffel eine sehr weit verbreitete Unart ist. Du solltest dies unbedingt vermeiden – das Wischen um den Mund herum ist eine unangenehme Stimulation der Nerven, die hier enden. Beim Küssen löst diese sanfte Stimulation ein wohlig warmes Gefühl aus, das Wischen mit dem harten Löffel hingegen löst das Gegenteil aus.

Und wenn dein Kind nicht essen mag? Na, dann mag es noch nicht essen. Die Voraussetzung ist, dass du deinem Kind ein abwechslungsreiches Angebot (in allen Aspekten) anbietest. Wenn dein Kind wenig andere Nahrung als (Mutter-) Milch möchte, übe dich in Geduld. Nährstoffmangel oder andere Mängel entstehen nicht innerhalb von Tagen und dein Kind wird essen, wenn es Essen braucht und Hunger hat. Kinder sind das ganze erste Jahr über Säuglinge. Das bedeutet, dass sie sich primär über flüssige Nahrung ernähren können. Und ganz praktisch gesehen: wenn dein Kind das Essen ablehnt, was für Handlungsmöglichkeiten gibt es? Festhalten und zwingen? Eine Magensonde legen? Absolut und ausdrückliches NEIN. Dies sind keine Möglichkeiten. Wenn dein Kind sehr wenig isst, ist es allerdings wichtig, das Körpergewicht im Blick zu behalten. Bei Gewichtsabnahme und weiteren Symptomen sollte ein Arztbesuch in Betracht kommen. Doch wenn dein Kind gesund ist (und das ist es, wenn nichts anderes auffällig ist, als dass es (noch) nicht essen möchte, sehr wahrscheinlich), ist der beste Rat, alles was der Entspannung (deinerseits) dient zu tun. Wenn ihr in einen Teufelskreis aus Druck und Zwang geraten seid, ist es vielleicht angebracht, zunächst eine Pause einzulegen und nach einer Weile noch einmal einen entspannten Neustart hinzulegen.

Ich wünsche euch eine wunderbare Beikostzeit, die für viele Eltern auch mit sich bringt neue Lebensmittel und Rezepte kennen zu lernen und den Genuss neu zu entdecken. Gemeinsam genießen macht schließlich am meisten Freude!

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