Liebe Mira,

heute schreibe ich dir meine Gedanken zu den Zeilen die du mir schon vor einiger Zeit geschrieben hast. Du schreibst, dass du noch heute, 6,5 Jahre nach der Geburt deines ersten Kindes Schuldgefühle hast, weil die Geburt deines Kindes so lief, wie sie lief. Du schreibst, dass du falsche Entscheidungen getroffen hast und dein Kind nicht so vertrauensvoll auf die Welt bringen konntest, wie du es dir gewünscht hättest. Du schreibst, dass du und dein Kind noch immer unter den Folgen leiden. Und, dass du dich schämst.

Deine Nachricht bewegt mich zutiefst. Denn ich habe schon oft ähnliche Worte gelesen, von ähnlichen Erfahrungen und Gedanken anderer Frauen gehört. Und es bricht mir das Herz. Deine Geburtsgeschichte verdient es erzählt zu werden- und gehört zu werden.

Zunächst einmal möchte ich, dass du weißt, dass du keine Schuld trägst. Du bist nicht schuldig. Keine Frau macht sich durch die Geburt schuldig. Ganz egal, welche Entscheidungen sie trifft, wie sie ihr Kind gebiert, welche Komplikationen oder Schwierigkeiten auftreten. In all den Jahren, die ich nun schon Frauen durch die Schwangerschaft, die Geburt und im Wochenbett begleite- noch nie ist mir ein Geburtsbericht begegnet, in dem ich auch nur einen geringsten Fehler bei der Mutter finden kann.

Natürlich gibt es Verhalten oder Entscheidungen von Frauen, die ich persönlich nicht nachvollziehen kann und würde ich danach gefragt werden, würde ich vielleicht auch davon abraten. Doch es steht mir nicht zu darüber zu urteilen, denn ich weiß nicht, was die Frau dazu bringt, sich zu verhalten wie sie sich verhält. Ich kann nicht einmal erahnen, welche Erlebnisse sie geprägt haben, unter welchen Umstände sie ihre Erfahrungen sammelte, welche Ängste sie prägen und welchen Halt sie im Leben hat.

Doch es geht dir, wie es dir geht. Du bist geschwächt aus dem Geburtserlebnis herausgegangen. Dich hat das, was du erlebt hast verunsichert und verletzt. Du bist gekränkt und fühlst dich schuldig. Wie so viele andere Mütter. Dir wurde unrecht getan.

Ganz egal wie eine Geburt verläuft, auch trotz Komplikationen oder Kaiserschnitt, kann respekt- und würdevoll Verlaufen und die Mutter stärken. Oder im Gegenteil. Eine Geburt kann “bilderbuchmäßig” verlaufen und die Frau trotzdem verletzt davon herausgehen. Beides liegt nicht in der Verantwortung der Frau. Sondern in der Verantwortung derer, die sie begleiten und von denen die Gebärende in dieser Situation abhängig ist.

Viele Geburtshelfer und Geburtsbegleiter scheinen noch immer dem gesellschaftlich anerkannten Grundsatz zu verfolgen: “Hauptsache gesund!”. Und natürlich ist es ein hoher Wert und größte Aufgabe von uns Geburtshelfern: die körperliche Unversehrtheit und das Leben von Mutter und Kind zu schützen. Natürlich. Doch es ist nicht die alleinige Aufgabe. Die seelische Gesundheit und vor allem die Würde der Frau zu wahren ist genauso wichtig! Und diese beiden großen Aufgaben stehen sich nicht im Weg. Es ist kein “Extraaufwand” sich um das seelische Wohl der Frau zu kümmern und ihre Würde zu waren. Auch im größten Stress ist dies Möglich. Es geht dabei nämlich um eine innere Haltung der Frau und dem Kind, ja dem Leben gegenüber.

Die schlimmsten Gefühle, die Frauen während der Geburt erleben ist das Gefühl ausgeliefert zu sein, allein gelassen zu werden, das eigene Kind nicht beschützen zu können, respektlos behandelt zu werden und in der eigenen Intimität verletzt zu werden. All diese Gefühle können bei einer Gebärenden mit Leichtigkeit hervorgerufen werden. Unter der Geburt befindet sich die Frau in einer Extremsituation- sie ist extrem empfindlich, schutzbedürftig und verunsichert. Dinge, die sie in diesem Moment erlebt, brennen sich tief ein. Macht sie positive Erfahrungen stärkt es sie. Macht sie negative Erfahrungen, kann es sie zutiefst erschüttern. Oft versucht das Umfeld und letztlich auch die Frau selbst sich mit der Phrase “Ende gut, alles gut.” zu beruhigen und die Verletzungen irgendwo tief im Inneren zu vergraben. Viel zu oft höre ich von Frauen: “Naja, ist ja jetzt auch egal, dem Kleinen geht es gut, mir geht es gut. War halt doof. Aber das wichtigste ist doch, dass wir gesund sind.”.

Dem muss ich widersprechen. Es ist nicht egal, was dir unter der Geburt widerfahren ist. Auch wenn es “nur” war, dass man dir unachtsam begegnet ist oder du allein gelassen wurdest, du und dein Kind nicht so respektvoll und liebevoll behandelt wurden und du in deiner Selbstbestimmung beschränkt wurdest: das ist nicht okay. Das ist unrecht und es ist nicht egal! Du bist nicht undankbar, wenn du dies aussprichst. Du hast das Recht dazu. Deine Geschichte, mit all deinen Erfahrungen und Erlebnissen ist es wert erzählt und gehört zu werden! Auch wenn du und dein Kind gesund seid. Das ist ein riesiges Geschenk und keine Selbstverständlichkeit. Und dennoch ist es wichtig, dass du die Freiheit hast zu fühlen und zu erzählen, was dir unter der Geburt passiert ist. 

Liebe Mira, es ist aus vielen Gründen wichtig, dass du dich und deine Erfahrungen ernst nimmst und dir erlaubst alles zu fühlen, was da ist. Zum einen für dich selbst. Wenn du die Gefühle da sein lässt, sie fühlen und aushalten kannst, können sie schwächer werden und wieder gehen. Sie müssen dich keinesfalls für immer begleiten. Doch wenn du versuchst sie zu unterdrücken und dich selbst mit der Phrase “Ende gut, alles gut!” zu trösten oder gar zu betäuben, wird es dich prägen und immer (mal wieder) irgendwo mitschwingen und wieder auftraten. Es wird vermutlich immer schwieriger diese Gefühle zu verarbeiten je länger sie unterdückt werden.

Zum anderen sind wir Frauen es, die etwas verändern können. Für uns selbst und alle Frauen, die in Zukunft Kinder gebären werden. Wir können zu einem Umdenken beitragen. In unserem Umfeld, bei Hebammen, Ärzten und Krankenschwestern. Wenn wir ihnen nicht erzählen, wie die Erlebnisse uns geprägt haben, woher sollen sie es wissen? Welchen Antrieb gäbe es, etwas zu verändern, wenn nicht die Berichte von uns?

Ich möchte dich einladen deine Erlebnisse auf zu schreiben. Schreibe alles auf, was dich bewegt, was du erinnerst. Ohne Anspruch auf Genauigkeit oder chronologischen Ablauf. Schreibe auf, was dich bewegt. Und teile es. Oder erzähle davon. Für dich selbst, für andere.

Und: schreibe vielleicht auch auf, was dir in der Situation geholfen hätte. Was du dir Rückblickend im Vorfeld gewünscht hättest oder was du anderen Frauen für ihre Geburt raten würdest. Und bitte, lass mich dies auch wissen.

Ich würde jeder Frau für ihre Geburt folgende Punkte raten:

  1. Wähle deine Begleitung sorgfältig aus. Letztlich ist es zweitrangig, ob du in einem modernen Gebäude oder bei Kerzenschein dein Kind zur Welt bringst oder nicht. Wichtig ist, wer dich begleitet und wie deine Beziehung zu ihnen ist. Das ist oft mit Mühen (Wege die zu überwinden sind, Geld, das zu bezahlen ist oder Menschen, die zu überzeugen sind) verbunden, doch das ist es wert.
  2. Wissen ist Macht und Sicherheit. Informiere dich! Sauge Informationen (aus sinnvollen Quellen) auf und bereite dich auf die Geburt vor!
  3. Sei dir jederzeit bewusst: Du bist wichtig und wertvoll und es hat niemand das Recht dich respektlos zu behandeln oder unachtsam zu berühren oder dir Angst zu machen. Du bist die Mutter deines Kindes und damit diejenige, die die Entscheidungen zu deinem Kind (gemeinsam mit dem Vater) trifft.

Heute am 25.November ist der globale Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe. Roses Revolution. Weltweit lassen Frauen Rosen sprechen. Gemeinsam wird ein Zeichen gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe gesetzt, indem Frauen, die Verletzungen jeglicher Art während der Geburt erfahren haben, rosa Rosen vor den Türen des Geburtsortes ablegen. Zusätzlich kann ein Brief beigelegt werden, der erklärt, warum diese Rosen dort abgelegt werden und von den eigenen Erfahrungen berichtet wird. Auf der Homepage von gerechte-Geburt gibt es viele Informationen und eine Liste, was Gewalt unter der Geburt sein kann. Mir kamen beim lesen gerade die Tränen: denn ja, es ist Gewalt wenn…

  • sie unter Wehen gegen ihren Willen zum Stillliegen zu zwingen.
  • unter Wehen wieder und wieder nach dem Muttermund zu tasten.
  • ihnen zu sagen: “Wenn Sie jetzt nicht mitarbeiten, dann stirbt Ihr Baby!”.
  • sie unter Geburt allein zu lassen oder ihnen zu sagen, sie sollen gefälligst still sein.
  • die Geburtspostion (z.B. liegend auf dem Bett mit festgeschnallten Beinen) vorzuschreiben.
  • ihnen ohne ihr Einverständnis und ohne medizinische Notwendigkeit einen Dammschnitt zuzufügen
  • bei Ihnen ohne medizinische Notwendigkeit einen Kaiserschnitt zu machen.
  • sie ohne medizinische Notwendigkeit von ihrem Baby zu trennen.

Wie furchtbar zu wissen, wie vielen Frauen diese Art von Gewalt widerfährt und wie viele Menschen dies als Normalität hinnehmen. Schockierend, oder?

Und alarmierend: lass uns dafür einsetzen, dass so viele Menschen wie möglich von deiner Geschichte erfahren. Und von der Gewalt, die tagtäglich Frauen angetan wird. Erst, wenn dafür ein Bewusstsein entstanden ist, werden Veränderungen möglich sein.

Liebe Mira, ich wünsche dir von Herzen alles Gute. Du bist auf dem richtigen Weg deine Erlebnisse zu verarbeiten und du wirst Frieden damit schließen können. Davon bin ich überzeugt. Und ich wünsche es allen Frauen, die ähnliches erlebt haben.

Deine Jule


Liebe Leserin, dich möchte ich auch einladen deine Geschichte zu erzählen. Schreibe sie auf oder erzähle sie so oft es dir gut tut. Ich wünsche dir Menschen, die dir zuhören und zuhören. Und immer wieder zuhören und dir Liebe schenken. Du bist WUNDERVOLL und die beste Mutter deines Kindes. Ganz gleich wie dein Kind zur Welt kam. Es sagt nichts über deine mütterlichen Qualitäten aus.

Um den Fokus auch dahin zu lenken, was sich verändern muss, wäre es eine tolle Unterstützung, wenn du Lust hast hier in den Kommentaren zu schreiben, was dir geholfen hätte. Vor der Geburt und auch währenddessen. Was würdest du deiner Freundin für ihre Geburt raten und wünschen?

Weitere Informationen zur Roses-Revolution Bewegung findest du hier.

Ich würde mich sehr freuen, wenn du diesen Artikel teilst. Vielleicht magst du ihn deinen Freundinnen zukommen lassen? Mein Wunsch ist, dass keine Frau sich für ihre Geschichte schämt und jede Frau von ihrer Geschichte erzählt. Vielen Dank dafür.

 

 

 

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