„Bevor ich geboren wurde war ich im Himmel und habe mit den anderen Himmelskindern gespielt, oder Mama?“ „Gut möglich!“. „Weißt du, da habe ich auf die Welt hinunter geschaut und so ein Gesicht gemacht:“ das kleine Gesicht legt sich in sorgenvolle Falten. „Oh warum denn das?“ „Weil da so viele Scherben lagen.“ Ich schlucke.

„Und dann?“ „Dann habe ich meine Himmelsflügel abgestrichen und bin zu dir auf die Welt gekommen.“ „Und wie war es dann dort, als du in meinen Armen lagst?“

„Da war es schön, Mama.“

Als ich von diesem Dialog zwischen einem dreijährigen Kind und seiner Mutter höre, kommen mir die Tränen. Auch wenn die Mutter mir erläutert, dass die Vorstellung von dem Leben vor der Geburt des Kindes durch Erzählungen aus dem Kindergarten geprägt sind und dieser Dialog sich nach dem Entsorgen von Altglas ergab. Und es sich deshalb um Alltagerleben des Kindes und nicht um eine (rein) spirituellen Geschichte handelte.

Trotzdem wirkte sie auf mich. Als Bild.

Eine Welt, auf der es viele Scherben gibt. Und das Kind, das in den Armen seiner Mutter ankommt, wo es schön ist. Trotz der Scherben. Sie scheinen in den Armen der Mutter keine Rolle zu spielen.
Ich sehe dieses Bild vor meinen inneren Augen und denke: „Das ist Mutterschaft.“. Der Innbegriff der Mutterschaft, jeder Mutterschaft. Und so oft wird es vergessen. Von uns Müttern selbst und von der Gesellschaft. Wir sind die Welt für unsere (kleinen) Kinder. Mit all denen, die da noch im Leben des Kindes eine Rolle spielen. Den Vätern, den Geschwistern, den Großeltern und allen anderen. Doch das Kind wird in die Arme seiner Mutter geboren und in den ersten Lebensjahren ist niemand so wichtig wie sie.

Oft zweifeln wir Mütter an uns und sind kritisch. Haben das Gefühl nicht gut genug zu sein oder unserer Rolle nicht gerecht zu werden. Weil wir nicht perfekt sind und es auch nicht sein können. Weil wir zum Glück Menschen sind.

Unsere Kinder sind nicht so streng mit uns. Sie vertrauen uns und glauben an uns. Auch wenn wir mal aus der Haut fahren, ungeduldig und launisch sind. Sie sehen das Beste an und in uns. Vielleicht würde es uns helfen uns selbst einmal durch ihre Augen zu sehen.

Neulich habe ich zu einem Freund gesagt: „Manchmal würde ich gerne eine Kamera aufstellen um den alltäglichen Wahnsinn einmal fest zu halten. Ich glaube es wäre witzig sich das an zu sehen. Fast wie eine Komödie wäre das. Wie ich von A nach B renne. Hier eine Nase putze, da eine Beule verarzte, dort eine Windel wechseln das Essen aus dem Ofen hole, dem Kind verbiete auf das Fensterbrett zu steigen und wieder herunter zu springen, wieder in die Küche eile, das Essen auf Tellern verteile, ein Kind dazu bewege die Schuhe wieder zurück in den Schuhschrank zu räumen, das andere Kind bitte nicht mit Messer und Kabel auf den Tisch ein zu hämmern, das Essen auf den Tisch stelle. Das eine Kind einsammle um sich an den Tisch zu setzen, das andere hole, während das erste seinen Platz schon wieder verlassen hat. Beide Kinder am Tisch zu haben, einen Happen zu essen, auf zu stehen um einen Lappen für das verschüttete Wasser zu holen, zurück zu kommen, das Essen vom kleinen Kind zurück von der Tischplatte auf den Teller zu manövrieren und so weiter. Niemals Stillstand. Keine 2 Minuten Ruhe für mich. Am Ende des Tages stehe ich da, erinnere mich an all die Momente, in denen ich nicht die ruhige und geduldige Mutter war, die ich so gerne wäre. Und an die Momente der Wut meiner Kinder. Ich sehe das Chaos im Haus, obwohl ich den ganzen Tag beschäftigt war. Die Wäsche, die ich nicht angerührt habe, all die Nachrichten, die ich nicht beantwortet habe. All die Momente, die ich nicht genossen habe.“

Er sagt: „dann mach es doch einfach mal. Stell doch eine Kamera auf!“ Und das tue ich. Obwohl ich sie nicht einschalte und mich nicht selbst sehe, stelle ich mir vor was ich auf dem Video sehen würde. Und das ist etwas anderes als das, was ich jeden Abend sehe, wenn ich erschöpft und müde bin. Aus dieser distanzierten Sicht sehe ich eine Mutter. Eine Mutter, die die Welt ist. Für ihre Kinder. Sie macht nicht alles richtig, sie ist nicht perfekt. Sie sieht nicht aus wie eine Mutter aus einem Werbefilm. Sie sieht aus als ob sie einen harten Job macht. Sie sieht aus, wie jemand, der seine eigenen Bedürfnisse in diesem Moment sehr zurück stellt. Und das Zuhause für die anderen ist. Ihr Zuhause und ihre Heimat. Ihre Mutter.

Es ist wahrscheinlich so wie mit der Sache mit dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Natürlich gehört zum Muttersein der Alltag mit all seinen Aufgaben. Das sind die Bäume. Doch das Muttersein ist so viel mehr. Nämlich der Wald. Also das Zuhause. Das Zuhause und die Heimat für unsere Kinder zu sein. Ihre Welt zu sein. Wir können uns über all die Bäume, die uns den Alltag so schwer machen und an denen wir gelegentlich scheitern aufregen und ärgern. Oder wir versuchen den Wald zu sehen und dass jeder Baum diesen Wald ausmacht. Jeder Baum ist wichtig aber andererseits auch nur ein kleines Teil einer großen Sache. Und die sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

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