In diesem Artikel geht es um die Kapitulation der Gebärenden. Um den Punkt, an dem die Frau sagt: „Ich kann nicht mehr. Helft mir. Es geht nicht mehr. Nicht einmal eine Wehe noch werde ich aushalten. Tut etwas!“. Es ist der Punkt, an den jede Frau unter der Geburt kommen muss. Vollkommene Kapitulation. Sowohl körperlich als auch seelisch kommt die Frau an ihre Grenzen. Das ist für alle beteiligten spürbar und sichtbar. Die Frau zeigt es uns ganz deutlich. Oft zittert sie, erbricht und ist nicht in der Lage zu kommunizieren. Sie gibt auf. Sie hört auf zu kämpfen. Ein erschreckender Moment für die, die diese Situation nicht einordnen können.

Doch diese Phase der Verzweiflung und der Kapitulation gehört zu dem Geburtsprozess. Sie macht die Geburt möglich. Ohne diese Kapitulation ist die Geburt nicht möglich! Nun könnte man denken, wie furchtbar, wie grauenvoll! Und das wäre es. Wenn man nicht weiter schauen würde, was passiert. Denn dieser Punkt der Geburt ist ein Wendepunkt. Ein Punkt, der so prägend ist für alles was folgen wird. Wenn  die Frau an diesem Punkt angekommen ist, ist die Geburt bereits weit fortgeschritten. Dieser Punkt markiert den Übergang der Eröffnungsperiode  (also die Phase der Geburt, in der der Muttermund durch Wehen geöffnet wird, welches die Voraussetzung dafür ist, dass das Kind durch das mütterliche Becken rutschen kann,) und der Austreibungsphase (also der Phase, wo das Kind durch das Becken der Mutter geboren wird- dies ist die Phase, in der die Mutter „aktiv arbeiten“ kann, indem sie ihr Kind durch das Becken schiebt (häufig als „pressen“ bezeichnet)).

Die Eröffnungsphase ist meist der zeitlich gesehen die längste Phase der Geburt. Wie bereits erwähnt, steht an ihrem Ende die Übergangsphase, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Frau kapituliert. Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Und das ist gut so. Denn durch die Überwindung dieses Punktes wächst sie über sich hinaus. Neue Energie wird freigesetzt (biochemisch nachweisbar) und sie spürt nach der Übergangsphase oft eine deutliche Erleichterung. Nicht nur dadurch, dass sie nun aktiv arbeiten kann sondern auch dadurch, dass das Ende der Geburt und die Ankunft des Kindes nun ab zu sehen ist.

Gebärende, die an diesen Punkt kommen, brauchen die Begleitung derer, denen sie vertraut und die ihr beistehen. Für die Partner der Frauen ist die Begleitung ihrer Frauen oft schwierig- vollkommen verständlicher Weise. Einen geliebten Menschen so „leiden“ zu sehen ist eine große Herausforderung. Für sie ist es elementar wichtig zu wissen, dass dieser Punkt unter der Geburt vollkommen normal, abzusehen und notwendig ist. Und vor allem: er ist nicht unendlich! Die Frau ist in der Lage diese Situation zu meistern, auch wenn sie genau das Gegenteil verspürt und auch kommuniziert. SIE WIRD ES SCHAFFEN. Und genau diese Gewissheit muss ihr vermittelt werden! „Du schaffst das!“ ohne zu verleugnen, was sichtbar ist: sie kann nicht mehr. Sie leidet. Sie ist am Ende ihrer Kraft. Und doch: wenn sie diese Situation erleben darf, wenn wir ihr trotz allem unseren Mut zusprechen: „Ich sehe, dass du am Ende bist! Ich spüre es! Und ich bin da. Ich fange dich auf. Gemeinsam schaffen wir es. DU wirst es schaffen!“, dann wird die Frau darüber hinauswachsen! Sie wird es überwinden und unglaublich wachsen.

Ich erinnere mich an meine erste bewusste Begegnung mit diesem Punkt der Kapitulation. Ich war Hebammenschülerin im ersten Jahr. Ich hatte Kreißsaaldienst und begleitete eine Gebärende seit einigen Stunden. Wir veratmeten Wehen, ich sprach ihr Mut zu. Die meiste Zeit war ich mit dem Paar allein, die Hebamme schaute immer mal wieder rein und zog sich dann wieder in das Stationszimmer zurück. Irgendwann merkte ich, dass der Mut der Gebärenden schwand. Sie sprach nicht mehr mit uns und übergab sich mehrmals.  Sie zitterte am ganzen Körper. Aufgeregt und in Sorge berichtete ich der Hebamme davon, in der Annahme, sie würde nun schnell dazu kommen und etwas tun, damit es der Frau besser gehen würde. Doch sie lächelte und sagte: „ach wunderbar, ich komme dann gleich zur Geburt.“ Ich erschrak darüber sehr. Wie konnte sie so herzlos sein? Die Gebärende leidete so sehr und sie…lächelte?! Erst später klärte sie mich auf… erklärte mir diese wichtige Phase der Geburt. Und bei allen Geburten die darauf folgten erlebte ich diese Kapitulation und sah, wie die Frauen daran wuchsen. Vielleicht ist dies der wichtigste Punkt der ganzen Geburt. Natürlich ist diese Phase bei allen Frauen unterschiedlich. Bei manchen ist er „bilderbuchmäßig“, bei manchen geht er schnell und fast ungesehen vorbei. Aber alle Frauen kommen an diesen Punkt.

Als professionelle Begleiter und Begleiterinnen ist es unsere Aufgabe jetzt da zu sein! Und sowohl die Frau als auch ihre Begleitung an die Hand zu nehmen und sie voll Vertrauen und Zuversicht durch diese Phase zu begleiten. Denn die Frau braucht die Unterstützung von allen Beteiligten. Wenn wir glauben, nein, viel mehr sicher sind, dass die Frau es schaffen kann und das alles ganz normal und gut ist, so wie es ist, dann wird auch der Partner in seine Frau vertrauen. Und gemeinsam kann diese Phase durchlebt werden. Noch einmal: wenn die Frau diesen Punkt überwindet, wird sie daran wachsen. Sie wird ihr Kind aus eigener Kraft gebären. Diese Phase dauert einige Minuten. Vielleicht einige mehr. Gefühlt können es Stunden sein. Doch es sind nicht Stunden. Nicht Tage. Das Ende ist absehbar! Und das müssen wir dem Paar vermitteln: es ist nicht unendlich!

Wir müssen die Frau ernst nehmen und sie sehen. Und ihr auch genau das sagen: „Du hast recht!“ und immer mit dazu das große Vertrauen in sie und den Prozess der geburt: „Du schaffst das! Trotz all deiner Zweifel. Du schaffst es. Ich sehe es und ich weiß es! Bald wirst du dein Kind in den Armen halten.“. Und natürlich versuchen wir es ihr möglichst da zu erleichtern wo es nur geht. Doch in dieser Situation ist kaum etwas wirklich hilfreich außer das Vertrauen in sie und immer wieder sie Bestätigung: es ist alles gut. Genau so, wie es sein soll.

Immer wieder, wenn ich von Betreuten die Geburtsberichte höre oder lese, lese ich von diesem Punkt. Ohne, dass er benannt wird, natürlich. Denn offensichtlich scheint das Wissen um diesen wichtigen Punkt nicht (mehr) sehr weit verbreitet. Denn oft lese ich, dass die Frauen an diesem Punkt der Erschöpfung und Mutlosigkeit eine PDA oder gar einen Kaiserschnitt bekommen. Sie berichten: „ich konnte wirklich nicht mehr und es war die einzige Möglichkeit.“ Und natürlich haben sie recht: sie konnten nicht mehr! Durch die Intervention an dieser Stelle, die womöglich sehr gut gemeint ist, denn es ist ohne Zweifel keine leichte Aufgabe einen Menschen in dieser Situation zu erleben und zu begleiten, wird der Frau die Möglichkeit zu wachsen genommen. Ihr wird das ungalubliche Gefühl des Erfolges: „ich habe es geschafft! Ich habe diesen Punkt überwunden!“ genommen.

(An dieser Stelle sei kurz bemerkt, dass es natürlich Geburten gibt, an denen eine PDA oder auch der Kaiserschnitt notwendig und sinnvoll sind. Frauen wachsen an jeder Geburt, ganz gleich wie sie verläuft. Ich spreche in diesem Text von einem physiologischem Verlauf.)

Als Abschluss mein Appel:

-Wenn du schwanger bist, ist es gut, wenn du von dieser Phase weißt. Allerdings wird es dir in der Situation nicht sehr helfen, denn dann wirst du mit der Situation beschäftigt sein und keinen guten Zugang zu vorhandenem Wissen haben. Aber: du kannst dieses Wissen weitergeben. Zum Beispiel an die Menschen, die dich bei der Geburt begleiten werden. Meist ist das der Partner: er sollte von dieser Phase wissen, damit er sich nicht zu sehr erschrecken lässt und dich gut durch diese Phase begleiten kann.

-wenn du deine Partnerin unter der Geburt begleiten wirst, lass dir noch einmal gesagt sein: „Deine Partnerin kann das! Vertraue ihr!“ Vermutlich wirst du erschrecken wenn du deine Partnerin in dieser Phase erlebst. Das ist okay. Und: du kannst ihr eine wesentliche Hilfe sein. Und zwar indem du an sie glaubst. Ihr vertraust. Es ist keine Hilfe sie davon zu „erlösen“. Einfach weil es keine Hilfe ist. Wenn sie mit deiner Hilfe diese Phase meistert, wird sie wachsen, werdet ihr wachsen. Vertraue darauf. Und vertraue eurer Hebamme: sie ist diejenige, die die „echten“ Gefahren und Komplikationen erkennt und dementsprechend handeln wird. Vertraue ihr.

-wenn du Frauen unter der Geburt als „Fachfrau/mann“  begleitest, achte doch einmal darauf, wie du die nächsten Übergangsphasen erlebst. Ob du den Punkt der Kapitulation erkennst und vor allem: beobachte die Kraft und die Erleichterung der Frau, wenn sie diesen Punkt überwunden hat! Und bitte gib dein Wissen um diese Phase weiter! Bei Geburtsvorbereitungskursen finde ich es sehr wichtig darüber zu sprechen aber auch unter der Geburt- erkläre dem Partner oder der Begleitung der Gebärenden was da gerade passiert. Wenn du magst, schreib doch gerne unter diesen Artikel was du zu diesem Thema schon erlebt hast oder vielleicht auch, was du dazu denkst, was den Frauen in dieser Phase am besten hilft!


Ich bin gespannt von euch Lesern zu lesen. Kanns du dich an den Punkt unter der Geburt erinnern? Was hat dir in der Situation geholfen? Wie ergeht es dir davon zu lesen? Findest du dich wieder?

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