Heute erreichte mich eine Nachricht von einer Mutter, die mir von ihren „Wickelproblemen“ berichtete. Und mein Herz musste ihr antworten. Doch in meiner Antwort geht es kaum ums Wickeln sondern viel mehr um Liebe. Um Vertrauen und wie wir Mütter schwierige Situationen, in denen wir mit und an unseren Kindern Dinge erleben, die ihnen auf den ersten Blick Unmut oder Wiederwillen bereiten, so gestalten können, dass es unsere Beziehung stärkt.

Katjas Brief

„Liebe Jule,

(…)
Und weil ich einfach nicht mehr weiter weiß und hoffe, dass du mir zumindest einen Input geben kannst, schreibe ich Dir heute eine Mail, die mir fast das Herz bricht.

Es ist nämlich so:

Wir haben eine ganz wunderbare, freche, humorvolle, liebevolle, – einfach großartige Tochter, die mittlerweile 16 Monate alt ist. Seit geraumer Zeit wird unser Alltag jedoch davon bestimmt und auch ein bisschen getrübt, dass ich sie einfach nicht mehr wickeln darf/kann/soll. Auf dem Wickeltisch „wehrt“ sie sich so stark dagegen, überhaupt hingelegt zu werden, dass ich es nur mit Gewalt schaffen würde, sie zum Liegen zu bewegen. Es bricht mir das Herz, ihre Angst (?) zu sehen und mit jeder Faser meines Körpers will ich sie dann in diesem Moment nicht wickeln. Also nehme ich sie wieder hoch. Manchmal muss es aber eben doch sein, weil es eben einfach nicht anders geht.
Sie windet sich, sie tritt nach mir, sie weint fürchterlich. Sie setzt sich hin, sie stellt sich hin, sie wendet sich ab von mir. Es ist wirklich schlimm für mich und ich weiß, dass auch meine Tochter keinen Spaß an dieser Situation hat. Bei meinem Mann ist es nicht so, er kann sie (meistens) problemlos wickeln. Es gibt auch Momente, in denen sie weint oder deutlich „Nein“ sagt, aber die sind selten. Es frustriert mich, es verunsichert mich, es macht mich manchmal auch wütend, dass die Situation so ist, wie sie ist. Ich vermeide es, sie an öffentlichen Orten zu wickeln, aus Angst, sie könnte dort alles zusammenschreien. Ich habe alles Mögliche versucht:

– woanders wickeln,
– Wickeltischspielzeug, also ein ganz besonderes Spielzeug, das sie nur dort bekommt,
– Lustige Spiele mit ihr spielen,
– im Stehen wickeln (ging anfangs, jetzt aber auch nicht mehr),
– Mobile über dem Wickeltisch,
– Poster von Katzen oder Enten (liebt sie) über dem Wickeltisch,
– sie in den Wickelprozess mit einbeziehen,

gefühlt ist es wirklich alles, was uns oder dem Internet so eingefallen ist. Sie scheint diesbezüglich doch einen sehr starken Charakter zu haben.
Ich glaube, dass es für ihr Verhalten einen Grund gibt. Vor einigen Wochen hatte sie ganz schlimm Verstopfung. Das hat natürlich a) wehgetan und b) mussten wir 6 Tage lang Einläufe geben. Das war das Schlimmste, was wir machen konnten, glaube ich. Ich war die Person, die ihr die Einläufe gegeben hat und seitdem hat sie, glaube ich, Angst davor, dass es noch einmal passiert.

Hast Du eventuell Tipps für mich oder weißt Jemanden, der mir helfen kann? Ich habe unfassbar große Angst davor, dass die Beziehung zu meinem Mädchen dadurch noch weiter belastet wird.
Insgesamt ist sie momentan sehr auf Papa fixiert und ich fühle mich natürlich ohnehin schon zurückgewiesen. Aber diese Wickelproblematik macht mir obendrein sehr zu schaffen. Ich bin nunmal die Person, die täglich mehrmals das Wickeln übernehmen muss, weil mein Mann arbeitet. Und meine Tochter ist doch so ein toller Mensch, ich will nicht, dass sie so eine Angst vor dem Wickeln haben muss….!“

Von Mutter zu Mutter

Liebe Katja, von Herzen Dank für deine Nachricht. Sie hat mich sehr bewegt. Die Liebe, die aus deinen sehr sachlichen Zeilen spricht ist so groß. Welch großes Glück, dass euer Kind solch wunderbare Eltern hat. Denn das seid ihr. Wunderbare Eltern. Du bist eine bewundernswerte Mutter, mit einem riesengroßem Herz und so viel Empathie und ach… Danke. Im Namen deines Kindes: Danke. Du machst das alles gut. Richtig gut. Gut genug.

Ich verstehe die Problematik sehr gut. Ich verstehe dich. Und ich verstehe dein Kind. Was für eine unglückliche Lage in  die ihr geraten seid. Toll, dass du nach einem Weg heraus nachdenkst.

Nun, ich habe keinen Hebammen-Fachfrauen Rat für dich. Aber ich habe ein Bild im Kopf. Und davon möchte ich dir erzählen. Ich denke oft in Bildern. Es sind keine Vergleiche doch oft zeigen sie Parallelen auf. Manchmal habe ich schon gehört: „Aber der Vergleich hinkt doch!“… ich möchte aber meist gar keinen Vergleich aufstellen sondern vielmehr ein Bild transportieren, durch das ich Dinge verstehe. In der Hoffnung, dass es meinem Gegenüber ähnlich geht.

Was ich aus deinen Zeilen lese

Also, nachdem ich deine Nachricht gelesen und sie wieder geschlossen hatte, blieb das Bild eines kleinen Kindes, dass etwas erlebt hat, was es verstört hat. (Eine Störung ist nicht dramatisch oder traumatisch!) An dieser Störung war maßgeblich die Mutter beteiligt, die selbst durch das Erlebte verstört wurde. Kurz gesagt, vielleicht ist hier eine Störung in einer Vertrauensbeziehung passiert. Oder vielmehr eine Irritation.  Was genau, kann  ich nicht sagen (weil es mir nicht zusteht), aber es ist auch nicht relevant. Was aber sicher hilfreich ist, ist das Vertrauen (wieder) zu stärken. Also habe ich mich gefragt, wie man das wohl macht, das Vertrauen wieder auf zu bauen. Zu einer Person, die auf gewisser Weise abhängig von einem ist. Und da ist mir folgendes Bild in den Kopf gekommen.

Mein Bild zu der Situation

Stell dir vor, ich betreue als Hebamme eine Schwangere. Vor einiger Zeit musste ich an ihr eine Untersuchung durchführen. Eine Routinesache für mich, an sich weder besonders schmerzhaft noch verletzend oder ähnliches. Ich musste diese Untersuchung unausweichlich durchführen. Und für die Schwangere war diese Untersuchung unangenehm, ja fast schmerzhaft. Sie erschrak über das Gefühl, damit hatte sie nicht gerechnet. Darüber wiederum erschrak ich sehr. Denn niemals möchte ich einer Frau Schmerzen oder ein anderes negatives Gefühl machen. Ich  hatte Schuldgefühle und es tat mir so leid, ihr das angetan zu haben. Dieses Erlebnis stellte eine Störung in unserer Beziehung dar und auch ein Vertrauensverlust von ihrer Seite.

Nun ist es so, dass ich diese Schwangere in den nächsten Wochen intensiv betreuen werde. Diese Betreuung beinhaltet auch, dass ich diese Untersuchung noch zig mal durchführen muss. Eine vertrauensvolle Beziehung ist grundlegend, denn ich werde sie auch unter der Geburt betreuen und darüber hinaus.

Nun stell dir einmal vor, ich würde jedes Mal, wenn ich die Frau sehe denken: „oh nein! Sicher muss ich heute dieses Untersuchung durchführen! Die arme Frau! Es tut mir so leid!“ Und zu ihr würde ich sagen: „Du, ich muss heute die Untersuchung durchführen. Ich weiß, dass das doof ist für dich. Aber wir machen es trotzdem.“ Und dann sehe ich, wie die Angst in ihr aufkommt und um sie zu beruhigen, sage ich: „ach ok, dann machen wir es später. Dann machen wir jetzt erstmal was anderes!“ und bin auch ein bisschen froh, dass die Konfrontation erst einmal verschoben wird.

Und wenn es wirklich unumgänglich wird, dann mache ich Entspannungsmusik an und gebe ihr eine Packung Pralinen, damit sie möglichst wenig von der Untersuchung mitbekommt. Das mache ich aus Liebe und um es ihr leichter zu machen. Aber die Untersuchung macht es nicht besser. Und vor allem vertraut sie mir dadurch nicht mehr. Das weiß ich und deshalb denke ich: „ Mist, das will ich nicht! Es tut mir so leid! Ich wünschte, ich müsste es nicht tun.“ Und das spürt die Schwangere natürlich. Sie spürt meine Angst. Weil ich Angst vor ihrer Angst habe.

Ich mache es trotzdem (es muss ja leider sein!). Und von Mal zu Mal wird es schlimmer. Ich will sie nicht untersuchen. Sie will nicht untersucht werden. Ein Teufelskreis. Der durchbrochen werden muss. Und das ist meine Aufgabe. Ich kann nicht erwarten, dass meine Betreute den Schritt tut.

Den Teufelskreis durchbrechen

Als mir das bewusst wird, wird mir klar, dass ich etwas tun muss. Ich sortiere mich also:

  1. Es ist meine Aufgabe zu entscheiden, wann ich welche Maßnahme durchführe. Und ich führe nur die durch, die wirklich notwendig sind.
  2. Ich kann das, was ich tue.
  3. Ich tue das, was ich tue so respektvoll und liebevoll wie es mir möglich ist.
  4. Durch diese Maßnahme verursache ich keine unnötigen Schmerzen oder Leid. Was notwendig ist, ist notwendig.

Ich überlege mir, ob ich noch einmal mit der Frau darüber spreche und entscheide mich dafür. Bei unserem nächsten Treffen spreche ich es also an und sage ihr, dass ich sie und ihre Angst sehe. Dass ich ihr verspreche nur das zu machen, was ich tu muss. Dass ich weiterhin, so wie bei all meinen anderen Betreuten, meine größte Aufgabe darin sehe, sie zu bestärken und zu beschützen. Dass ich nie in Kauf nehmen würde, ihr einen Schaden zu zu fügen oder sie zu verletzen. Dass ich diese Untersuchung jedes Mal so vorsichtig und rücksichtsvoll durchführen werde, wie es mir möglich ist.

Ich überlege mir vorher, ob diese Untersuchung wirklich notwenig ist. Und wenn sie das ist, bereite ich mich vor, bevor ich es ankündige oder anfange. Um mich nicht von der Angst der Schwangeren anstecken zu lassen: „Es muss sein. Ich kann das. Ich werde es so vorsichtig tun, wie es mir möglich ist.“ Und dann atme ich tief durch. In dem Wissen, dass alles gut ist. Ich weiß, dass sich meine Ruhe auf die Frau übertragen wird und mache darum langsam aber bestimmt. Es ist alles gut.

Während der Untersuchung spreche ich nicht viel darüber. Viel mehr lasse ich sie durch meine Hände, durch die Berührung spüren, dass alles gut ist. Dass ich mir sicher bin, dass ich mein Bestes gebe und dass keine Gefahr besteht.

Es dauert einige Untersuchungen aber dann spüre ich, dass sie sich entspannt und dass es zur Normalität wird. Durch meine zurückgekehrte Sicherheit, die ich kurzzeitig durch die Störung verloren hatte, kann ich ihr die Sicherheit geben, die sie braucht. Und durch mein Vertrauen in mich und mein Können, kann auch sie mir wieder vertrauen.

Es geht um Sicherheit. Unsere Sicherheit. Die sich überträgt.

Liebe Katja, ich denke, du ahnst worauf ich hinaus will. Die Menschen, die uns anvertraut werden, die uns vertrauen, spüren uns. Darauf beruht eine vertrauensvolle Beziehung. Dass wir uns spüren. Dein Kind spürt deine Verunsicherung. Du spürst seine Verunsicherung. Ein Teufelskreis. Nun ist es an dir, da raus zu kommen. Und das kannst du. Dadurch, dass du es spürst.

Sprich mit deinem Kind. Das musst du nicht laut tun. Sag ihm, dass du es verstehst, dass du die Verunsicherung spürst. Sag ihm, dass alles gut ist. Mach dir dazu die Punkte oben ganz klar:

-Du wickelst dein Kind nur, wenn es wirklich sein muss. Und wenn es sein muss, dann muss es sein. Lass da kein Spielraum zur Diskusion. Wenn es nicht sein muss, tu es nicht.

-Du kannst dein Kind wickeln. Genauso „gut“ oder „richtig“ wie der Papa es kann. Auch einen Einlauf könntest du wieder verabreichen. Wenn es notwendig ist. Und es ist nicht deine „Schuld“, wenn das notwendig ist. Es ist nicht deine „Schuld“ wenn es weh tut oder drückt.

– Du gibst dein Möglichstes. Du bist liebevoll und vorsichtig. Aber vor allem bist du bestimmt. Das wickeln tut deinem Kind nicht weh. Und es ist kein Vertrauensbruch. Auch wenn es unangenehm ist: du machst es so angenehm wie möglich, mehr kannst und musst du nicht tun.

– Das Wickeln eines Kleinkindes ist notwendig und keine Option. Ein Kind, das eine volle Windel hat, muss versorgt werden. Alles andere wäre Vernachlässigung. *

Meine Idee ist also: mach dir klar, dass du deinem Kind durch das Wickeln keinen Schaden zufügst. Im Gegenteil. Positioniere dich innerlich ganz klar. Nur dann kann dein Kind dir wieder vertrauen. Es ist wichtig und richtig entschieden zu sein. Zögere nicht. Beim Wickeln lasse deine Hände sprechen. Es. Ist. Alles. Gut. Du brauchst keine Angst haben. Dein Kind braucht keine Angst haben. Jede Faser deines Körpers muss spüren: es ist notwendig und gut. Denn dein Kind spürt genau, was du spürst.

Und mit dieser Einstellung wirst du deinem Kind auch Einläufe geben können. Oder Spritzen geben. Oder Fieber messen. Wenn es wirklich notwendig ist und es keine andere Möglichkeit gibt. Das hat nichts mit eurer Beziehung zu tun. Das alles  muss keine Irritation herbeiführen. Im Gegenteil: es ist deine Aufgabe als Mutter dich um das Wohl deines Kindes zu kümmern und das zu tun, was notwendig ist. Alles was du tust, dient dem Wohlergehen deines Kindes und stärkt damit eure Beziehung. Das Wesentliche ist, dass du dir vertraust. Und dass du klar und entschieden bist. Das warst du bei dem Einlauf vielleicht nicht. Und diese Zweifel und vielleicht die Erwartung, dass es für dein Kind unangenehm wird, haben sich auf dein Kind übertragen.

Wenn du also das nächste Mal feststellst, dass dein Kind eine frische Windel braucht, atme.

Und gehe deine Liste durch:

– Ich bin mir sicher, dass es wirklich notwendig ist.

– Ich bin mir sicher, dass es meine Aufgabe ist und dass ich diese Aufgabe  beherrsche.

– Ich bin mir sicher, dass ich es kann und liebevoll und respektvoll und vor allem bestimmt durchführen werde.

– Ich bin mir sicher, dass ich meinem Kind kein Leid sondern Wohlergehen zufüge. (Wenn nicht, ist es nicht absolut notwendig.)

Und diese Liste kannst du immer durchgehen, wenn du vor dem Dilemma stehst, dass etwas bevorsteht, dem dein Kind mit Ablehnung begegnet. Und bei uns Müttern das Gefühl von „aaaah, das will/kann ich nicht!“ verursacht. Ganz egal ob es die Verabschiedung in der Kita ist, das Haarewaschen oder Zähneputzen oder das Wickeln. Das Wichtigste ist wirklich die erste Frage: ist es notwendig. Wirklich notwendig. Nur wenn wir diese Frage mit ja beantworten können, können wir überzeugend auftreten und unsere Beziehung und das Vertrauen wird nicht einmal angekratzt. Eben weil es nicht anders möglich war.

You are enough.

Liebe Katja, Y O U  A  R E   E N O U G H  . Du machst deine Aufgabe wunderbar. Zu hadern, zu straucheln und auch mal zu fallen gehört dazu. In Teufelskreise zu geraten ist so leicht. Sie zu Durchbrechen bedarf Mut. Und Liebe. Beides hast du. Also los.

Atme. Lächle. Liebe. Und sei bestimmt. Es. Ist. Alles. Gut.

Alles Liebe, deine Jule

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