Heute habe ich eine Nachricht von Laura bekommen. Ich kenne sie nicht doch ihre Worte rührten mich, so dass mir eine Antwort unter den Nägeln brannte. Es geht darin darum den eigenen Weg in der Schwangerschaft und Geburt zu finden. Und Menschen, die sich uns in den Weg stellen. Und um Steine die uns in den Weg gelegt werden. In Lauras Fall geht es um eine geplante Hausgeburt. Letztlich trifft das alles aber auch auf jeden anderen Weg. Ob es nun die Klinikgeburt, Geburtshausgeburt oder der Wunschkaiserschnitt ist. Jede Frau sollte darin bestärkt werden ihren Weg zu gehen. Auch wenn unser eigener ein anderer ist.

Laura schreibt:

“Liebe Jule,

ich bin in der 23 SSW und möchte mein Kind gerne zuhause bekommen.
Mein Mann und eine liebe Hebamme wären dabei.
Gestern war ich bei meiner Ärztin die absolut gegen eine Hausgeburt ist und mich in meinem Handeln vollkommen aus der Bahn geworfen hat.
Seit gestern gehen mir wieder so viele Gedanken durch den Kopf und ich mache mir zum Teil sogar Vorwürfe. Vorwürfe das ich vielleicht wirklich egoistisch denke !?
Ich bin ein sehr natürlicher und vor allem naturverbundener Mensch, in meinem unmittelbaren Umfeld gibt es leider nur wenige davon und ich stoße generell oft auf negative Kritik.
Ich wollte dich fragen wie ich mich selber vor solchen Anfeindungen schützen kann und ich mein Urvertrauen nicht verliere?
Kennst du schöne Bücher oder auch Artikel die du mir empfehlen kannst?
Oder hast du einen wundervollen Tipp für mich ?
Ich danke dir für deine tollen Einträge, du bist ein sehr liebenswerter Mensch und ich lese gerne deine Artikel.
Eine große Bereicherung!

Alles liebe und eine schöne Woche wünscht dir von Herzen

Laura”

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Liebe Laura, vielen Dank für deine Nachricht! Es tut mir sehr leid, dass du in solch große Unsicherheit geraten bist.

Aber zunächst einmal: herzlichen Glückwunsch zu deiner Schwangerschaft! Ich hoffe, es geht euch beiden gut. Wie wunderbar, dass du einen Mann an deiner Seite hast, der dich auf deinem Weg unterstützt und du eine liebe Hebamme gefunden hast!

Du zweifelst ob du egoistisch bist. Du bist egoistisch. Ich definiere Egoismus in diesem Zusammenhang als Selbstliebe, Ichbezogenheit, Eigennützigkeit. Liebe Laura, ich kann mir nicht viele Situationen im Leben vorstellen, in der Egoismus mehr angebracht ist als in deiner. Sich um sich selbst zu kümmern, sich um das eigene Wohl zu bemühen, für den eigenen Weg zu kämpfen, sich vor dem, was einem nicht gut tut zu schützen (auch wenn das Verluste mit sich bringt) ist nie so wichtig wie in der Phase unseres Lebens, in dem wir ein zweites Herz unter dem eigenen tragen. Denn es liegt in der Sache der Natur, dass unser mütterliches Wohl an das Wohl unseres Kinder gekoppelt ist. Wenn du nun also egoistisch bist, bist du es auch für dein Kind. Anders geht es gar nicht. Ihr seid eins und doch zwei. Und immer dann wenn du dich um dich selbst kümmerst, kümmerst du dich um dein Kind.

Wenn du deine Bedürfnisse und dein Wohl in dieser Phase nicht im Blick hast und dich dafür einsetzt, wer soll es tun? Wem würde es etwas bringen, wenn du all das außer Acht lassen würdest und einen Weg gehen, der nicht deiner ist weil er vermeintlich „sicherer“ wäre? Du und dein Kind mit Sicherheit nicht!

Laura: sei bitte egoistisch! Sich selbst zu lieben und den besten Weg zu suchen muss nicht bedeuten, dass das Wohl anderer dadurch eingeschränkt wird. Ganz im Gegenteil. Welch Glück dein Kind hat eine egoistische Mutter zu haben! Es wird in einer Wichtigen Disziplin des Lebens sehr viel von dir als Vorbild lernen können. Ach was, das lernt es jetzt schon. Jedes Mal wenn du in der Schwangerschaft eine Entscheidung in deinem Sinne triffst, wird dein Kind mitbekommen, wie gut das tut und wie wichtig das ist.

Aber nun noch mal zu dem konkreten Vorfall mit deiner Ärztin. Um es gleich vorweg zu nehmen: ihr Verhalten ist in meinen Augen inakzeptabel. Eine (schwangere!) Frau in solche Zweifel zu treiben und ihr so ein furchtbar schlechtes Gewissen zu machen ist vollkommen unangemessen und grenzüberschreitend. Ärztinnen und Ärzte sowie alle anderen Berufsgruppen, die mit schwangeren Frauen professionell zutun haben, sollten ihre Aufgabe primär darin sehen, sie bestmöglich auf ihrem individuellen Weg zu begleiten. Unabhängig ob das die Krankenhausgeburt, Hausgeburt oder der Wunschkaiserschnitt ist. Wenn wir uns dazu (in Einzelfällen) nicht in der Lage sehen, dann sollten wir die Betreuung abgeben.

Was du als Patientin nun tun kannst, ist die Ärztin zu wechseln. Ich würde das tatsächlich gut abwägen denn sich gegen so starken Gegenwind zu wappnen ist nie leicht. Als Schwangere ist es eine Mamutaufgabe, die ich nicht freiwillig hätte erfüllen wollen. Es kostet einfach so viel Kraft.

Ich würde dir empfehlen dich möglichst bald mit deiner Hebamme zu treffen. Erzähl ihr von dem Erlebnis, von deinen Sorgen und Zweifel. Entwickelt gemeinsam einen Plan. Kann sie die restliche Schwangerschaftsbetreuung übernehmen, kannst du dich bei Bedenken/Zweifeln an die Klinik wenden? Oder kann sie dir einen Arzt/Ärztin empfehlen, mit der sie bessere Erfahrungen gemacht hat? Oft haben Hausgeburtshebammen einen ärztlichen Kollegen/Kollegin mit der sie gut zusammen arbeiten. Sollte das der Fall sein, würde ich unter Umständen „kleinere“ Hürden wie einen längeren Anfahrtsweg, evtl. Selbstbeteiligung etc in Kauf nehmen. Nichts ist kostbarer als den eigenen Weg gehen zu können ohne ständig Steine in den Weg geworfen zu bekommen. Manchmal ist vielleicht auch ein klärendes Gespräch mit dem, der einem die Steine in den Weg wirft möglich. Aus meiner Erfahrung ist es bei so „heißen“ Themen wie den Geburtsort oft nicht so einfach. Und dann ist es doch wirklich auch ok, wenn sich die Wege trennen.

Durch den Kontakt zu deiner Hebamme wirst du auch wieder zu dem Vertrauen und der Zuversicht kommen. Denn eine Beziehung zu ihr, die durch Vertrauen geprägt ist, ist eine der wichtigsten Säulen um eben in diesem Vertrauen und der Sicherheit in Bezug auf die Geburt zu bleiben und zu sein.

Die Aufgabe der Hebamme ist es nämlich Komplikationen zu erkennen und sie ab zu wenden. Dadurch gibt es in den seltensten Fällen echte Notfälle zuhause – eben weil die Hebamme dazu ausgebildet ist drohende Gefahren zu erkennen und ab zu wenden. Entweder in dem sie Maßnahmen ergreift oder auch die Verlegung/ Betreuung durch andere organisiert. Sie ist deine Sicherheit. Wenn du ihr und ihrem Tun vertrauen kannst, kannst du dich entspannen. Jetzt, in der nächsten Situation, in der jemand dir und deinem Weg mit negativen Äußerungen begegnet (mit welcher Legitimation eigentlich?) und während der Geburt.

Sollte in eurem Fall etwas gegen eine Hausgeburt sprechen oder irgendeine Art von Risiko im Raum stehen, wird es eure Hebamme sein, die dies beurteilt. Die Verantwortung liegt bei der Hebamme. Vertraue ihr. Da kann eine Ärztin „gegen die Hausgeburt sein“ wie sie möchte – es geht sie schlicht weg nichts an, wo und wie du dein Kind bekommst. (Ausgenommen natürlich sie stellt eine vorliegende Pathologie fest, die du deiner Hebamme verheimlichen würdest… aber selbst dann… Selbst dann wäre es nicht die Verantwortung der Ärztin.)

Liebe Laura, ich hoffe bei dir kommt an was ich sagen will. Sei egoistisch. Sei konsequent in den Bemühungen deinen Weg zu gehen. Geh Menschen, die deine und ihre Grenzen überschreiten aus dem Weg. Umgib dich mit Menschen die dich stärken und tragen. Das müssen nicht viele sein. Wähle sie nur genau aus. Pflege die Beziehung zu deiner Hebamme. Vertraue ihr.

Alles Gute für euch! Jule

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Wie geht es dir, wenn du Lauras Nachricht liest? Was würdest du ihr raten? Hast du selbst auch ähnliche Erfahrungen gemacht?

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