1. Ich liebe Momente, wo einem ein Licht aufgeht, weil man logische Zusammenhänge versteht und etwas plötzlich Sinn macht. Noch mehr freue ich mich, wenn ich diese Momente mit anderen teilen kann. Wenn Dinge, die irgendwie unklar in der Luft schweben und keiner so genau weiß, wie das eigentlich ist, plötzlich so klar werden Und von diesen Dingen gibt es rund um Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Baby so einige. Dinge, die einem, wenn man sie nicht verstanden hat, große Sorgen bereiten können. Wenn man sie aber einmal verstanden hat, kann man sie mit Gelassenheit annehmen.

Eine solche Sache dreht sich um Babys Bäuchlein und was darin vor sich geht. Das Wissen darum ist so wertvoll, weil es die Eltern so unglaublich beruhigen kann. Mein Anliegen ist es, dass alle werdenden Eltern darüber informiert werden, bevor sie in Sorge geraten. Also im Idealfall bevor das Baby geboren ist. In diesem Artikel geht es um den  Zusammenhang zwischen der wenigen Muttermilch in den ersten Tagen, der Gewichtsabnahme beim Baby und der Größe des Magens beim Baby gibt.

Oft hört man von jungen Eltern Aussagen wie: „In den ersten Lebenstagen kam (fast) keine Muttermilch! Die Milch reicht sicher nicht aus, um das Kind zu sättigen!“ oder  „Unser Kind hat fast 7% abgenommen und wir mussten zufüttern!“ . Diese Aussagen entstehen aus Sorge und Unwissenheit und sind in den meisten Fällen (ich gehe von gesunden Kindern und Müttern aus) nicht richtig und nicht nötig. Warum das so ist, erklärt folgender Zusammenhang:

Bevor das Baby geboren wird, ist der Magen etwa so groß wie eine kleine Glasmurmel. Größer muss er auch nicht sein, denn im Bauch der Mutter hat der Magen noch nicht viel zu tun. Hier fließt gelegentlich ein bisschen Fruchtwasser hindurch und ansonsten ist es ruhig. Wenn das Baby geboren ist, ändert sich einiges. Zum ersten Mal muss der kleine Magen echte Verdauungsarbeit leisten – auch wenn es in den ersten Tagen nur ein paar Tropfen Muttermilch sind, die verarbeitet werden müssen. Die Muttermilchmenge steigert sich von ein paar Tropfen am Anfang bis zum Ende der ersten Woche auf einige Milliliter pro Mahlzeit deutlich (und immer genau passend zu dem Bedarf des Babys). Damit nimmt auch die Größe des Magens zu. Am dritten Lebenstag ist der Magen etwa so groß wie eine große Glasmurmel und um den 10. Lebenstag so groß wie ein Tischtennisball.

 

Der kleine Magen ist in den ersten Lebenstagen nicht in der Lage, mehr als ein paar Tropfen Milch aufzunehmen. Da trifft es sich wunderbar, dass in diesen Tagen auch nur ein paar Tropfen Muttermilch aus der Brust kommen. Diese Tropfen haben es jedoch in sich: sie sind hoch kalorisch und sehr reich an Nährstoffen. Trotzdem kommt es dazu, dass alle Babys nach der Geburt Gewicht verlieren und abnehmen. Das erklärt sich dadurch, dass die Organe des Babys viel Energie brauchen, um all die wichtigen Funktionen, wie die Verdauungsfunktion, zu erfüllen. Außerdem scheidet das Kind Flüssigkeit durch die Verdauung aus und auch über die Atmung verdunstet Flüssigkeit. Dem Baby fehlt es jedoch an nichts. Der Magen wächst und ist schon nach ein paar Tagen bereit, mehr aufzunehmen, und dann fließt auch schon mehr aus Mamas Brust.

Zusammengefasst bedeutet das also: Das Baby kommt mit einem kleinen Magen zur Welt, in den nur ein paar Tropfen Milch passen. Die Mutter hat am Anfang nur ein paar Tropfen Milch. Nach ein paar Tagen kommt der so genannte Milcheinschuss. Ab diesem Zeitpunkt erhöht sich die Menge der Muttermilch deutlich. Nun stehen einige Milliliter Milch pro Mahlzeit zur Verfügung. Der Magen hatte in den ersten Tagen Zeit sich an die neue Aufgabe  (Milch zu verdauen) zu gewöhnen und zu wachsen und ist nach ein paar Tagen bereit, mehr Milch aufzunehmen und zu verdauen.

Noch einmal in aller Deutlichkeit (ich gehe hier von einer gesunden Mutter und einem gesunden Neugeborenen in den ersten Lebenstagen aus):

  • Ein Baby muss nach der Geburt an Gewicht abnehmen

Ein Neugeborenes braucht viel Energie, um sich an die neuen Aufgaben anzupassen, außerdem verliert es Flüssigkeit. Eine Gewichtsabnahme von bis zu 7% ist deswegen völlig NORMAL und UNBEDENKLICH. Sollte das Gewicht mehr als 8% fallen, sollte die Situation als Ganzes betrachtet werden. Ist das Kind gesund, wie war die Geburt, wie waren die ersten Lebensstunden? Braucht das Kind evtl. einfach noch etwas Zeit oder sollte mit dem zurückhaltenden Zufüttern begonnen werden? Kann evtl. schon Muttermilch abgepumpt und über eine Spritze gefüttert werden? Das Stillmanagemant sollte überprüft werden und die Mutter eine gute Unterstützung durch eine Hebamme oder Stillberaterinnen einfordern.

  • In den ersten Lebenstagen wird nur sehr wenig Muttermilch produziert.

Schon in der Schwangerschaft wird die Laktation (Milchproduktion) begonnen, die Brust bereitet sich auf die Stillzeit vor. Gleich nach der Geburt sind wenige Tropfen Muttermilch da.  Diese Tropfen sind völlig ausreichend. Das Kind könnte gar keine größeren Mengen aufnehmen und braucht auch nicht mehr als diese paar Tropfen. Nach dem Milcheinschuss (am 3.-5. Lebenstag) steigt die Menge an Muttermilch deutlich an.

  • Ein Baby braucht KEINE zusätzliche Nahrung zu den wenigen Tropfen Muttermilch, um satt zu werden.

Die Muttermilch ist zu jeder Zeit – also sowohl direkt nach der Geburt als auch in den Wochen und Monaten darauf – sowohl in der Menge als auch in der Zusammensetzung  genaustens an die Bedürfnisse des Kindes angepasst. Die ersten Tropfen sind in der Zusammensetzung so abgestimmt, dass sie genau das enthalten, was das Baby braucht.

Das Kind sollte insbesondere in den ersten Tagen so viel und so oft an der Brust trinken dürfen wie es möchte. Es ist dabei nicht relevant ob und welche Milchmengen fließen. Die richtige Anlegetechnik ist dabei unterstützend. Jede Mutter sollte dabei professionelle Unterstützung erhalten.

  • Voreiliges Zufüttern kann weitreichende Probleme hervorrufen.

Das Neugeborene wird ausreichend mit Muttermilch versorgt. Es ist das Gesündeste, was es bekommen kann. Jegliche Gabe von anderer Flüssigkeit beeinflusst die Darmflora negativ. Da das Kind in seinem kleinen Magen gar nicht mehr Platz für mehr Flüssigkeit hat, kommt es häufig zu erbrechen. Durch die Zugabe von anderen Flüssigkeiten kann das komplexe System des Stillens durcheinandergebracht werden. (Das System des Stillens reguliert sich über das Nachfrage-Angebot-System. Dieses wird nachhaltig gestört, wenn die Nachfrage durch andere Flüssigkeit erfüllt wird – das Angebot passt sich auf Dauer daran an.)

Wenn eine Zufütterung aus medizinischer Sicht, also bei einem kranken Kind, einer erkrankten Mutter oder einer Gewichtsabnahme von ÜBER 10% nötig ist, sind diese Nebenaspekte guten Gewissens in Kauf zu nehmen. Eine voreilige und überflüssige Zufütterung in den ersten Lebenstagen sollte jedoch vermieden werden.

Als ich diesen Zusammenhang endlich (es hat zugegebener Maßen recht lange gedauert und war auch nur durch eine besondere Lehrerin möglich) begriffen hatte, konnte ich mich so sehr entspannen und auch die mir anvertrauten Eltern überzeugend beruhigen. Nicht alle im Krankenhaus tätigen Menschen, die mit jungen Müttern und Neugeborenen zutun haben, haben diesen Zusammenhang gut verinnerlicht. Davon berichten immer wieder Eltern nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Lass dich davon nicht irritieren.

Ich würde mich sehr über deine Erfahrungen dazu freuen. Schreib sie mir doch gerne in die Kommentare, ich bin sicher auch andere (werdende) Eltern werden von den Erfahrungen profitieren.

Falls du durch diesen Artikel diesen komplexen Zusammenhang erkennen konntest würde ich mich sehr freuen, wenn du ihn teilen würdest du.  Ich wünsche mir nämlich, dass zukünftig immer weniger Eltern in diese stressige Situation von großen Sorgen in den ersten Lebenstagen kommen und freue mich, wenn ich dazu beitragen kann.

 

Dieser Artikel ersetzt keine Untersuchung und Beratung durch die Hebamme oder die Kinderärztin/Kinderarzt. Solltest du dir in Bezug auf das Wohl deines Kindes Sorgen machen, zögere bitte nicht, Kontakt zu deiner Hebamme oder Ärztin/Arzt aufzunehmen..

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