Eines der größten Themen unter jungen Eltern. Die Nächte mit Baby. Oder viel mehr der Babyschlaf im Allgemeinen. Als Hebamme habe ich dazu schon einige Eltern beraten, habe mich als Mutter mit anderen Eltern darüber ausgetauscht und zusammen mit meinem Ehemann geschimpft und geflucht. Ich habe Bücher darüber gelesen und emotionale Texte darüber geschrieben. Doch auf dem Blog findet sich zu diesem Thema noch nichts. Und das hat einen ganz einfachen Grund: es ist ein hoch sensibles Thema, bei dem oft die Gemüter hoch kochen. Und weil man über das Thema so viel schreiben kann… und noch immer nicht alles gesagt ist. So kam es mir zumindest bisher vor.

Heute schreibe ich darüber. Als müde Mama. Sehr, sehr müde Mama. Ein paar Gedanken und Ideen. Das Thema Schlaf ist so individuell, dass es kaum Allgemeinaussagen gibt, die ich guten Gewissens weitergeben möchte. Darum ist dieser Text ein Text primär für mich selbst – um Mut für Veränderungen zu sammeln – der vielleicht auch anderen Mut machen kann, den eigenen Weg zu suchen.

Dieser Artikel ist sehr lang, darum möchte ich vorweg einige persönliche Ideen und Überzeugungen zu Babynächten zusammenfassen:

  • Das kindliche Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit muss immer erfüllt werden
  • Babys und Kinder sollten mit ihrem Schmerz und Angst niemals alleine gelassen werden
  • Das Ziel sollte sein, dass alle Beteiligten möglichst erholsame Nächte erleben. Das betrifft auch die Eltern.
  • Ich glaube, dass der Wunsch „durch zu schlafen“ oft gar kein echter Wunsch der Eltern ist, sondern uns von außen auferlegt wird.
  • Durch zu schlafen bringt für Kinder keinen Vorteil – im Gegenteil, das nächtliche Erwachen ist völlig normal und gesund. Trotzdem können die Nächte entspannt sein.
  • Es gibt nicht den einen richtigen Weg für entspannte Babynächte für alle Familien
  • Aber für jede Familie gibt es einen Weg dorthin.
  • Wenn Veränderungen für oder mit kleinen Kindern herbeigeführt werden sollen, ist die Basis dieser Veränderung die Sicherheit, die die Eltern dem Kind vermitteln müssen. Die Kinder können Veränderungen leichter annehmen, wenn sie sich an den Eltern orientieren können.
  • Um diese Sicherheit zu haben, müssen Eltern die sicher sein, dass die Veränderung im Sinne und im Bereich des gut (!) Möglichen des Kindes liegen. (Eine Kombination aus Expertenrat und Bauchgefühl sind ratsam!)
  • Idealer Weise steht vor der Veränderung ein konkreter Plan, an dem sich die Eltern orientieren können und an dem sie festhalten können, auch wenn Wiederstand auf kommt.
  • Der Plan sollte eine Reflexionsmöglichkeit (außerhalb der Situation – also tagsüber) beinhalten, in der neu geschaut werden kann, ob der Plan noch einmal verändert werden muss.
  • Veränderungen brauchen Zeit, Ausdauer und Geduld.image

 

Die Nächte sind bei uns seit ein paar Wochen so anstrengend, dass ich nun an dem Punkt angekommen bin, dass ich mich ausgelaugt und erschöpft fühle. Mein Nervenkostüm ist extrem dünn und meine Energie erschöpft. Zeit etwas zu verändern. Aber wie so oft im Leben – Veränderungen kosten Kraft. Und einen Plan.

Diesen Plan möchte ich heute erstellen. Ein Plan für die kommenden Nächte. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich bewusst zu machen, worin die eigentliche Belastung besteht, was das Ziel und wie kann das Ziel in der Praxis umgesetzt werden.

Was ist die aktuelle Belastung? Nun könnte man zusammenfassend sagen: das Baby. Doch das trifft es eigentlich nicht. Denn das Baby macht NIE etwas falsch. Das Baby macht NIE etwas, um uns Eltern zu ärgern oder zu stören. Auch wenn es einem in mancher Nacht so vorkommen mag. Das Baby ist RICHTIG. Das Kind muss nicht verändert werden, es ist genau so richtig, wie es ist. (Ich gehe hier von einem gesunden Kind aus). Doch es kann sein, dass man sich als Mutter-Kind oder Eltern-Kind Gespann bestimmte Dinge angewöhnt hat, die auf Dauer zur Belastung werden. Und dann ist es an uns Eltern diese angewöhnten Muster wieder zu durchbrechen oder zu verändern. Doch die Verantwortung dafür müssen wir Eltern übernehmen und dürfen sie nicht auf unsere Kinder übertragen.

Darum macht es Sinn sich möglichst konkret zu Überlegen, was die Belastung ist. Oft wird in dem Zusammenhang Babyschlaf das Thema Durchschlafen in einem Atemzug genannt. Ich glaube, dass das für die wenigsten Eltern tatsächlich ein Ziel oder ein echter Wunsch ist. Das Durchschlafen. Ich glaube, dass uns Eltern das eingeredet wird. Als ob es ein wahrer Schatz sei, das Durchschlafen. Tatsächlich können Nächte, die 1-3 Mal für eine kurze Dauer unterbrochen werden sehr erholsam sein. Aus der Forschung und Wissenschaft wissen wir, dass es für Babys und kleine Kinder keinen Vorteil hat durch zu schlafen. Viel natürlicher, gesünder und v ö l l i g normal ist es, dass kleine Kinder Nachts kurz wach werden um ihre Bedürfnisse zu stillen. Je nach Alter verändern sich diese Bedürfnisse und sie sind auch bei jedem Kind anders. Doch das größte Bedürfnis unserer kleinen Kinder ist das nach Sicherheit. Sie haben ein sehr großes Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit. Nähe und Geborgenheit vermitteln ihnen das Gefühl von Sicherheit – der Sicherheit, dass sie nicht alleine gelassen werden und sie beschützt werden. Dieses Bedürfnis ist ihnen nicht antrainiert und es kann ihnen nicht abtrainiert werden. Wie auch immer Eltern ihre Nächte mit kleinen Kindern gestalten – das kindliche Bedürfnis muss immer gestillt werden. Wie das in der Praxis aussieht, kann ganz unterschiedlich aussehen. Und jede Familie wird da ganz eigene Vorstellungen haben. Für manche Eltern ist der einzige Weg das Kind mit im Elternbett schlafen zu lassen (das so genannte Familienbett), um dieses Bedürfnis zu stillen. Ich glaube nicht, dass dies der einzige richtige Weg für alle Familien sein kann. Nähe, Geborgenheit und Sicherheit sind sehr individuell und ich sehe sehr viel Gestaltungsspielraum. Auch ein Kind, das im eigenen Bett schläft kann sehr, sehr liebevoll und mit genau der richtigen Art und Menge an Nähe und Geborgenheit umsorgt werden.

Grundlegend ist für mich in Bezug auf das Thema Babyschlaf also folgendes: das kindliche Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit muss gestillt werden. Und zwar ohne wenn und aber. Wie das praktisch getaltet wird, kann jede Familie für sich herausfinden. Denn natürlich geht es nicht nur um die Kinder. Sondern auch um die Eltern. Erstrebenswert ist es also die Nächte so zu gestalten, dass möglichst alle Beteiligten möglichst viel guten Schlaf bekommen. Mütter und Väter sollten sich nicht aufopfern und am Ende so erschöpft sein, dass sie zu nichts mehr zu gebrauchen sind.

 

Was ist das Ziel?

Wie schon weiter oben erwähnt haben wir Eltern die Verantwortung die Nächte und auch die Beziehung zu unseren Kindern zu gestalten. Unsere kleinen Kinder können diese Verantwortung nicht übernehmen. Darum ist es wichtig ein klares Ziel zu formulieren. Wichtig dabei sind mehrere Aspekte:

  1. Was ist für mich als Elternteil wirklich wichtig?
  2. Was kann ich meinem Kind zumuten?
  3. Wie kann ich das Grundbedürfnis nach Nähe in dem Ziel berücksichtigen?

 

  1. Übermüdete Eltern helfen auf Dauer niemandem! Steh darum zu deinen Bedürfnissen! Wäge unter Berücksichtigung der Gegebenheiten ab, was jetzt dein Ziel ist. (Durchschlafen ist mit den meisten Kindern unter einem Jahr – oder auch länger – kaum realisierbar.)

 

  1. Um heraus zu finden, was wir unseren Kindern zumuten können, ist oft eine Kombination aus Expertenwissen und Bauchgefühl genau richtig. Ein sehr kleines Baby braucht zum Beispiel alle paar Stunden Nahrung. Auch in der Nacht. Dieses Bedürfnis muss unbedingt erfüllt werden. Darum können wir ganz jungen Kindern nicht zumuten viele Stunden ohne Nahrung aus zu kommen. Diese Tatsache muss ganz klar bei der Zielsetzung berücksichtigt werden. Doch wenn die Kinder ein paar Monate alt sind, wird dieses Bedürfnis kleiner und es ist durchaus möglich, dass sie einige Stunden ohne Nahrung auskommen. Natürlich ist dann darauf zu achten, dass sie insgesamt genug Nahrung (bei Säuglingen im ersten Jahr Milch!) bekommen. Viele Kinder genießen das ständige Stillen in der Nacht auch dann noch sehr und wenn es für die Mutter passt, spricht auch nicht zwingend etwas dagegen. Aber wenn es zur Belastung wird, kann dem Kind zugemutet werden sich daran zu gewöhnen, dass dies nicht mehr geht. Allerdings nur, wenn es sich für die Mutter richtig anfühlt! Wenn sie Sorgen hat, dass ihr Kind einen Mangel oder Verzicht erleiden muss, ist es nicht richtig darauf zu verzichten. Die Kinder spüren unsere (Un-) Sicherheiten, was sicher nicht zu ruhigen Nächten führt. Grundlegend ist also, dass wir uns sicher sind, dass die Veränderungen, die wir durchführen möchten richtig sind und dass sie dem Kind zugemutet werden können. Dazu empfiehlt sich ein Gespräch mit einer vertrauenswürdigen (!!!) Fachfrau/mann. Das kann die Hebamme sein oder der Kinderarzt. Wichtig ist, dass wir wirklich vertrauen können.

 

  1. Ganz gleich was das Ziel ist, es sollte die Erfüllung des Bedürnisses nach Nähe des Kindes stillen. Dieses Bedürfnis ist ganz individuell. Es gibt die Kinder, die am liebsten in ihre Eltern hineinkriechen würden und es ist ihnen noch immer nicht nah genug. Und es gibt Kinder, deren Bedürfnis ist gestillt wenn sie wissen, dass sie zwar alleine in einem Raum liegen aber sich ganz sicher darauf verlassen können, dass jemand zu ihnen kommt, wenn sie auch nur ein leises Geräusch von sich geben.

 

Wie kann das Ziel in der Praxis umgesetzt werden.

Große Veränderungen können auf Wiederstände stoßen. Was oft der Grund ist, warum wir uns vor Veränderungen fürchten. Doch es gibt ein paar Hilfestellungen, die uns das Durchsetzen solcher Vorhaben erleichtern. In der Beziehung zu unseren Kindern geben wir den Ton an. Unsere Kinder verlassen sich auf uns und vertrauen uns. Und vor allem spüren sie, wie es uns geht.

Am aller wichtigsten in Bezug auf Veränderungen im Leben mit Kindern ist, dass wir den Kindern Sicherheit vermitteln. Diese Sicherheit können wir nur vermitteln, wenn wir sie selbst spüren. Wenn wir also Veränderungen einführen möchten, von denen wir nicht überzeugt sind, wird es nicht gelingen. Unsere Kinder brauchen die Sicherheit, dass es richtig ist, was wir tun. Und die können wir nur vermitteln wenn wir sie spüren. Und wir dürfen nicht erwarten, dass unsere Kinder uns zeigen, dass die Veränderungen richtig sind. Natürlich können wir sehen und annehmen, was sie zu den Veränderungen sagen. Wichtig ist, dass wir uns sicher sind, dass die Veränderungen für sie machbar sind. Darum sollte man sich außerhalb der Situation (wenn es um die Nächte geht also tagsüber!) überlegen, wie es gehen soll. Und das auch ganz klar fest zu legen. Denn in der Situation sollte man nicht ins Wanken kommen, Pläne über Bord schmeißen oder sich von dem Kindlichen Protest irritieren lassen.

Wenn man sich also im Vorfeld sicher ist, dass die Veränderungen für das Kind machbar sind, dann ist es gut sich auf den Protest ein zu stellen. Oft versuchen wir Menschen an lieb gewonnenen Mustern fest zu halten. So auch unsere Kinder. Natürlich ist es für das Baby schön die ganze Nacht an der Brust sein zu dürfen. Und natürlich kann es Ärger hervorrufen, wenn das nicht mehr möglich ist. Dann ist es das gute Recht des Kindes sich zu beschweren, zu schimpfen und zu weinen. Doch dann kommt es darauf an, dass wir als Eltern da sind. Das wir dem Kind Sicherheit vermitteln. Die Sicherheit, dass das Kind gut mit der Veränderung zu Recht kommen wird. Die Sicherheit, dass die Veränderung kein Verlust ist sondern ein Gewinn ist. Das wir das Kind nicht alleine lassen und seinen Unmut wahrnehmen. Und verstehen. Und trotzdem sicher sind, dass es richtig ist.

Ein guter Tipp, der mir schon oft geholfen hat, ist: in der Situation nicht um zu schwenken. Auch wenn es sehr schwer fällt. Wenn man in der Veränderung steckt, dann ist man sich vielleicht doch nicht mehr so ganz sicher, ob das so richtig ist. Oder man ist überrascht von dem doch stärker ausfallenden Protest des Kindes. Oder man ist schlicht weg so müde und erschöpft, dass die Resignation die schnellste Lösung zu sein scheint. Ich nehme mir darum ganz bewusst vor: mindestens ein Mal ziehe ich es durch. Dafür brauche ich die Sicherheit – dass es für das Kind gut machbar ist- bevor wir in der Situation stecken.

Heute Abend werde ich also meinem Baby erklären, welche Veränderungen für heute Nacht anstehen. Und ich werde ihm sagen, dass ich wahrnehmen werde, was er dazu zu sagen hat und dass ich gerne bereit bin morgen (oder in einer Woche) noch einmal über die Veränderungen nach zu denken und seine Bedenken mit ein zu beziehen. Aber nicht heute Nacht. Nicht, wenn ich müde bin und nicht mehr klar denken kann. Ich werde ihm sagen, dass ich überzeugt bin, dass es auch für ihn eine gute Veränderung ist. Und dann werde ich mich auf eine sehr anstrengende Nacht einstellen und mir ein Mantra bereit legen. Das mich bestärkt bei meinem Vorhaben zu bleiben. Und mit meinem Herzen bei meinem Kind. Denn natürlich muss er nicht auf mich verzichten. Und nicht auf Nähe. Und ganz und gar nicht auf meine Liebe.

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Vielleicht  magst du auch erzählen, was dir in so Zeiten der schlaflosen Babynächte geholfen hat? Kam die Veränderungen dann von ganz allein oder hast du die Energie gefunden sie durch zu setzen? Ich freue mich davon zu lesen, herzlichst, Jule

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