Vor einigen Tagen habe ich ein Bild von unserem Pikler Dreieck auf Instagram gepostet und damit viel Interesse bei euch geweckt. Darüber freue ich mich sehr und nutze gleich die Gelegenheit euch ein bisschen was über das Pikler Dreieck und die Frau dahinter – Kinderärztin Emmi Pikler – vor zu stellen.

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Vor weg möchte ich euch erzählen, wie ich zu Emmi Pikler gekommen bin. Als ich noch Hebammenschülerin war, durfte ich eine meiner Kolleginnen mit ihrem eigenen Kleinkind erleben. Ich war tief beeindruckt, wie friedlich, respektvoll, zurückhaltend und freundlich die Mutter mit ihrem Kleinkind war. Wie viel sie ihm zumutete und abwartend selbst machen ließ. Sie erzählte mir, dass sie sich an den Ideen und Ansätzen von Emmi Pikler orientierte.  Ich war fasziniert und las auch die Bücher und war überzeugt, dass die Grundeinstellungen und Ideen für mich  und meine Vorstellung von dem Leben mit Kleinkindern passten. Als ich später noch einmal studierte ergab sich die Möglichkeit, dass ich eine größere Arbeit über Emmi Pikler und ihre Arbeit schreiben konnte. Heute möchte ich nun versuchen euch ein bisschen was davon zu erzählen.

Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und wuchs dort und später in Ungarn auf. Sie wurde Kinderärztin und schon von Anfang an war es ihr Ziel die gesunde Entwicklung von Kindern zu ermöglichen. Sie wusste, dass ein Kind nicht zum Spiel und zur Bewegung angeregt werden muss und dass die Umgebung des Kindes von großer Bedeutung ist. Neben ihrer Arbeit als Kinderärztin hielt sie Vorträge und schrieb Artikel über die Entwicklung von Kindern, Erziehung und Kinderpflege. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stand immer die Erforschung der menschlichen Bewegungsentwicklung. Nach dem Krieg gründete sie das Säuglingsheim Loczy, welches sie über 30 Jahre leitete. In dieser Zeit erlangte das Heim internationale Anerkennung als Methodologisches Institut. Es wurden Fachbücher und wissenschaftliche Arbeiten veröffentlich. Emmi Pikler verstarb 1984.

Das erste Buch, das mir in die Hände fiel: „Lasst mir Zeit – Die selbstständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen“ hat auf der ersten Seite ein Zitat von Emmi Pikler: “Warum lassen wir den Säugling sich nicht seinen eigenen Gesetzen gemäß entwickeln?“… „Ist es nicht sonderbar, dass er ständig etwas anderes tun muss, als was ihm behagt? Übt er die Bewegung in Rückenlage, so drehen wir ihn auf den Bauch, bewegt er sich auf dem Bauch, setzen oder stellen wir ihn auf. Steht er, so führen wir ihn bei den Händen, damit er gehen lernt.“( Pikler 1940; deutsche Ausgabe 1982). Dieses Zitat hat es für mich getroffen. Emmi Pikler macht hier deutlich, was sich für mich als junge Hebamme schon immer unstimmig angefühlt hatte. Warum fällt es uns so schwer kleine Kinder so anzunehmen, wie sie sind?

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Zwei Ansätze von Emmi Pikler sind für mich und meine Arbeit besonders prägend:

  • Lasst den Kindern Zeit! Lasst den Kindern die Zeit, die sie brauchen. Kinder brauchen keine Förderung und keine aktive Anleitung zum Üben. Kinder brauchen die Zeit, die sie brauchen und sie brauchen die Möglichkeit sich zu entwickeln. Dazu gehört die angemessene Umgebung, Kleidung und Geduld.
  • Bringt ein Kind in keine Position, in die es nicht selber kommt. Also: ein Kind, dass sich nicht selbst hin/auf(!) setzen kann, wird nicht hingesetzt. Weder im Kinderwagen, noch in dem Hochstuhl, noch in einer Wippe. Ein Kind, das nicht selbstständig, ohne Hilfe laufen kann, wird nicht (an den Händen-) laufen gelassen. Ein Kind, was nicht auf die Rutsche klettern und sich selbst hinsetzten kann, wird nicht auf die Rutsche gesetzt. Und das gilt für alle Entwicklungsschritte. Jeder Entwicklungsschritt hat seinen Zauber und muss oder sollte nicht dadurch gestört werden, schon den nächsten „üben“ zu müssen.

 

„Aufmerksam, achtsam respektvoll mit den Kleinen umgehen, ihre Signale verstehen und darauf reagieren- das macht Kinder zufriedener…“ (Aus „Miteinander vertraut werden“ von E. Pikler/ A. Tardos u.a. 2013) und „Ehrgeiz und Eile sind nicht die rechten Methoden, um ein Kind gut aufwachsen zu lassen. Nur wenn es seine Bedürfnisse entfaltet, kann das Kind zu einer harmonischen Persönlichkeit heran reifen, nur wenn man es lässt, wird es weder unter noch überfordert.“(Aus „Friedliche Babys- zufriedene Mütter“ von Emmi Pikler). Diese Zitate fassen für mich gut zusammen, worum es in der Pikler Pädagogik grundsätzlich geht.

Doch auch in der Pikler Pädagogik gibt es Empfehlungen, Rückschlüsse oder Vermutungen, die ich als Hebamme nicht empfehlen würde oder bestätigen könnte. Darum empfehle ich allen Eltern, sich von den Gedanken und Ansätzen inspirieren zu lassen und in den eigenen Umgang mit Kindern zu übernehmen, was sich richtig und gut fühlt. Dogmatisch sollte auch hier nicht vorgegangen werden- viel mehr sollte auf das eigene (Bauch-) Gefühl geachtet werden.

Sehr überzeugend finde ich nach wie vor die Teile der Pädagogik über die körperliche Entwicklung der Kinder: „Das wichtigste habe ich bisher noch nicht erwähnt: nämlich, dass für einen gesunden Säugling seine eigenen Bewegungen, die Entwicklung dieser Bewegungen, jede Einzelheit der Entwicklung andauernde Freude bedeuten. Der Säugling – lässt man ihn in Frieden – erlernt das Drehen, sich Rollen, das Kriechen auf dem Bauch, auf allen vieren, das Stehen, Sitzen, gehen nicht mühevoll, unter Zwang, sondern aus eigenem Ansporn selbstständig, freudig, mit Stolz auf seine Leistung (wenn er auch zwischenrein manchmal zornig ist, dabei auch hin und wieder ungeduldig aufschreit).“ (Aus „Friedliche Babys – zufriedene Mütter“ Emmi Pikler 2011)

Sehr hilfreich empfinde ich die Erklärungen und Erläuterungen, was ein Kind braucht, um sich eigenständig zu entwickeln. Da gibt es klare Empfehlungen zur Spielumgebung, zum Spielzeug und auch zu Spielgeräten. Das bekannteste ist wahrscheinlich das Piklerdreieck, das in den letzten Jahren seinen Weg in viele Kinderzimmer gefunden hat. Wundervoll- denn es ist einfach ein tolles Spielgerät. Die Sprossen lassen sich von kleinen Entdeckern erklimmen, oben angekommen kann das auf-die-ander-Seite-Klettern (also das Umsetzen von Händen und Füßen und das Gleichgewicht) geübt werden. Ach und noch so viel mehr: wie mutig bin ich eigentlich? Und wie komme ich da wieder runter, wenn ich es alleine probieren darf? Es dient also nicht nur der motorischen Entwicklung sondern auch der Selbstwahrnehmung. Und auch sonst ist es ein super Ding: eine Decke darüber gelegt- zack ist es eine dunkle Höhle. Oder ein Supermarkt. Oder Hundehütte.Somit ist es ab dem Hochziehalter geeignet und da es so wundervoll vielseitig ist, spielen auch Kindergartenkinder noch gern damit.

 

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(Pssst: Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, der könnte sich überlegen, ob das nicht was wäre.  Wer mal luschern mag: die liebe Anna und ihr Team bauen in einer kleinen Werkstatt klappbare Dreiecke nach Pikler! Hier geht es zu ihrem Dawanda Shop)

Gerne schreibe ich in einem weiteren Artikel auch noch mal über die vorbereitete Spielumgebung und zeige Bilder von dem Dreieck und anderen Spielgeräten im Einsatz. (Ein weiteres Spielgerät, inspiriert von Pikler, habe ich hier schon einmal vorgestellt und über die Bewegungsentwicklung hier.)

Und nun freue ich mich natürlich von euch zu lesen! Hat so ein Dreieck auch bei euch schon Einzug gefunden? Hast du schon ein Buch von/über Emmi Pikler gelesen, welches du empfehlen kannst?

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