Heute schreibe ich einen ganz persönlichen Erfahrungbericht. Das mir das Thema Zucker für Kinder ein Herzensthema ist, ist vielleicht schon aufgefallen. Ich werde immer wieder mit diesem Thema konfrontiert. Sowohl als Mutter als auch als Hebamme und Bloggerin. Ich habe bereits einige Rezepte gepostet und auch Artikel darüber geschrieben.

Heute möchte ich über meine ganz eigene Erfahrung berichten. Denn es tauchen immer wieder fragen und Missverständnisse zu diesem Thema auf. Sowohl in den direkten Begegnungen (meist mit anderen Eltern) aber auch hier in den sozialen Medien.

Um eines schon vorweg zu nehmen: ich glaube nicht, dass es den einen „richtigen Weg“ gibt. Viel mehr bin ich davon überzeugt, dass auch in diesem Punkt jede Familie ihren Weg finden muss und jedes Kind anders ist. Für uns war es der richtige Weg so lange wie möglich auf „Zucker“ (auf die Definition gehe ich später noch ein) zu verzichten.

Der Schlüsselmoment- ein glückliches „zuckerfreies“Kind

Aber von Vorn: Als unser erstes Kind ein paar Monate alt war (und noch voll gestillt), hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Wir waren bei einer Freundin zu Besuch, und es gab Waffeln. Als sie sie servierte sagte sie in einem fast entschuldigendem Ton: „die Waffeln sind ohne Zucker- damit Emma mitessen kann.“ . Ich dachte im ersten Augenblick: „och nö, wie öde!“. Aber klar, Emma, die 2 Jährige Tochter sollte natürlich mitessen dürfen. Also biss ich in  meine erste „zuckerfreie“ Waffel und beobachtete Emma. Die im Genusshimmel zu sein schien. Ein kleines Kind so verzückt zu erleben lässt mein Herz höher schlagen. Und auch mir schmeckte es. Zugegeben- ohne Zucker schmeckt wie ohne Zucker. Es ist einfach nicht das selbe. Aber das muss es ja auch nicht. Ich nahm noch eine Waffel- dick mit Apfelmus bestrichen- und war fasziniert davon, wie gut es diesem kleinen Mädchen schmeckte- als ob sie noch nie etwas anderes gegessen hätte. Und das hatte sie tatsächlich nicht. Emma kannte noch nicht den Geschmack von süßem Waffelteig und fluffigem Puderzucker. Sie kannte diese Waffeln und sie waren der pure Genuss für sie. Es fehlte ihr an nichts.

Später berichtete ich meinem Mann von diesem Erlebnis. Und auch er war beeindruckt und uns beiden wurden die Augen geöffnet. Ein Kind, das keine „üblichen“ Süßigkeiten (Schokolade, Kuchen, Weingummi) kennt, das vermisst auch nichts. Und so beschlossen wir, dass wir unser Kind möglichst lange Genuss ohne „Zucker“ zeigen wollten.

Uns beiden waren schon länger die Nebenwirkungen oder Gefahren von (zu viel) Zuckerkonsum bekannt. Auch mein Mann ist in einem medizinischen Beruf tätig und erlebt Tag täglich was eine unausgeglichene Ernährung und Übergewicht sowie ein aus der Bahn geratener Stoffwechsel anrichten können und wie krank Menschen davon werden.

Es geht für uns um Industriezucker

Als Zucker definieren wir in diesem Zusammenhang Industriezucker. Also den weißen Zucker, der in fast allen Süßigkeiten, dem meisten (Süß-) Gebäck und Getränken steckt. Dies ist der Zucker, der keinen Nutzen für unseren Körper hat und der den Körper auf Dauer und bei zu hohem Konsum krank macht. Unsere Gesellschaft hat sich an den Geschmack von diesem Zucker gewöhnt und er findet sich bei den meisten Menschen auf dem täglichen Speiseplan. Aus reiner Gewohnheit.

Nicht an die künstliche Süße gewöhnen

Wir beschlossen also, diese Art von Zucker so lange wie möglich von unserem Sohn fern zu halten. Nicht aus Bosheit im Gegenteil- weil wir ihn nicht schon von Klein an, an diesen Geschmack und diese unnatürliche Süße gewöhnen wollten. Weil kleine Kinder absolut keinen Gewinn durch den Konsum solcher „Süßigkeiten“ haben. Und weil wir alle wissen, dass die Erlebnis in den ersten 3 Lebensjahren prägend sind. So auch mit dem Geschmack. Wenn wir unsere Kinder von Anfang an an diese Süße angewöhnen- dann werden sie diese Gewohnheit vielleicht nie mehr ablegen können. Und es ist einfach nicht nötig.

Wir beschlossen also Industriezucker so lange von ihm fern zu halten, wie es sich für uns richtig anfühlte. Wir hatten keinen festen Zeitpunkt im Kopf sondern ließen es einfach auf uns zukommen.  Ganz praktisch sah es also so aus, dass wir ihm keine Lebensmittel, die mit Zucker zugesetzt werden, anboten. Also kein „Fruchtjoghurt“, kein Babybrei der Zucker enthielt, kein süßes Brötchen und keine Süßigkeiten, die Zucker enthielten. Ohne Ausnahme. Die gab es für ihn einfach nicht. Wir Erwachsenen aßen weiter wie bisher (wie ernähren uns überwiegend ausgewogen und grsund aber essen durchaus auch mal Süßigkeiten oder konventionellen Kuchen- obwohl es auch für uns, ohne Zweifel, gut wäre darauf zu verzichte) und hatten immer etwas parat, was unser Kind essen konnte. Seine Vorlieben variierten sehr, aber es gab immer etwas, was ihn glücklich machte. Am Anfang frisches Obst. Vor allem Banane, Trauben, Birnen. Auch getrocknetes Obst isst er so gern. Rosinen, Datteln und Aprikosen. Irgendwann Kekse die mit Honig oder Agavendicksaft gesüßt sind, Fruchtriegel und selbst gebackener Kuchen. Egal wo wir hin gingen, wir hatten immer etwas für ihn dabei. Wenn wir beispielsweise bei Freunden waren und dort einen Kuchen aßen, bekam er seinen kleinen Teller mit seinen Süßigkeiten. Für ihn war das nie zu wenig. Ein paar Mal fragte er, ob er auch etwas von „unserer“ Süßigkeit abhaben könnte. Wir erklärten ihm dann, warum wir bevorzugen würden, dass er dies nicht isst. Er hat das immer akzeptiert.

Jedes Kind is(s)t anders

Und ja: ich weiß, dass das nicht bei allen Kindern so ist. Auch für mich klingt es verrückt wenn ich das so lese. Aber es war wirklich so. Es gab immer mal wieder Situationen die mich überrascht haben. Zum Beispiel an Ostern, als er 2,5Jahre alt war. Er hatte seine eigenen „Ostereier“ (ich hatte dazu hier gebloggt), die er mit großer Freude aß. Doch plötzlich sprang er auf, lief zu dem Tisch, auf dem unsere Schokoladenostereier lagen und rief: „Mama, jetzt will ich aber auch mal!“. Ich ließ ihn machen. Er nahm sich eines dieser Schokoladeneier und begann mit seinen kleinen Fingerchen die Glitzerfolie zu entfernen. Ganz gemächlich und in aller Ruhe. Irgendwann hatte er es geschafft und hielt ganz stolz das Schokoladenei in der Hand. Schaute zu mir. Und ich sah vor meinem inneren Auge schon wie er es sich in den Mund steckte und zum ersten Mal den Geschmack von Schokolade im Mund hatte. Doch er kam zu mir gelaufen und beendete seinen Satz: „Mama, jetzt will ich aber auch mal… wieder dich füttern!“ kletterte zu mir auf das Sofa und steckte mir das Schokoei in den Mund. Er hatte weder daran gerochen noch geleckt noch auch nur einen Moment im Sinn gehabt es sich in den Mund zu stecken. Er hatte einfach kein Interesse daran es selbst zu essen. Verrückt, oder?

Keine Verbote- sondern Angebote

Und genau das ist der Punkt: wir haben ihm Zucker nie „verboten“. Wir haben ihm immer eine Alternative geboten, die für ihn so attraktiv war, das er damit zufrieden war. Wir haben darüber auch nicht diskutiert. Weil es nichts zu diskutieren gab. Und wir waren uns immer sicher, dass der Zeitpunkt kommen würde, an dem er sich mit seinen Alternativen nicht mehr zufrieden geben würde. Und dass wir dann auch darauf eingehen würden. Das dieser Augenblick tatsächlich erst kurz vor seinem dritten Geburtstag kam, damit hatten wir selbst nicht gerechnet. Doch so kam es. Wir waren in einem Cafe und wir Erwachsenen suchten uns einen Kuchen aus der Vitrine aus. Und da äußerte er den Wunsch sich auch ein Stück aus zu suchen. Wir schlugen ihm vor, dass er den mitgebrachten Früchteriegel essen könnte. Doch er wollte ein Stück von dem Apfelkuchen aus der Vitrine. Da war er also der Punkt, an dem er seinen Wunsch äußerte. Und wir erfüllten ihn. Mit einem guten Gefühl. Weil Zucker kein Gift ist. Sondern in Maßen völlig ok.

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Trotzdem versuchen wir, mit Industriezucker zurückhaltend um zu gehen. Zuhause gibt es ihn für ihn nur Ausnahmsweise. Er mag seine Datteln, Früchteriegel und Apfelmus noch immer gern und ist glücklich damit.

Es gibt einige Fragen zu diesem Thema, die uns immer wieder gestellt werden- eine möchte ich in dieser Kolumne noch beantworten, die anderen vielleicht in einer zweiten.

Wie gehen wir mit Einflüssen von außen um? (Also den Süßigkeitenregal im Supermarkt, dem Kuchen bei Oma am Sonntag Nachmittag oder auf Kindergeburtstagen)

Ganz einfach: wir gehen damit so um, wie auch sonst im Alltag. Das es das alles für unser Kind nicht gibt, das steht (inzwischen stand) einfach nie zur Debatte. Für das Süßigkeitenregal hat sich unser Kind genauso wenig interessiert wie das Gewürz- oder Konservenregal. Es hat ihn nicht gereizt. Wenn wir mit einem Kuchen gedeckten Tisch saßen, hatte unser Kind ein Teller mit seinen „Süßigkeiten“ vor sich stehen und war damit glücklich. Auf Kindergeburtstagen ebenso. Wobei das bisher nie ein Problem war. Die Familien mit denen wir uns getroffen haben, haben es mit dem Zucker im großen und ganzen genauso gehalten wie wir. In der Kinderkrippe gibt es keine Süßigkeiten.  Wenn an der Kasse in der Drogerie gefragt wurde: „Darf er ein Tütchen Gummibären haben?“ lautete unsere Antwort: „nein.“. Das Kind hat es nie gestört. Er hat nichts vermisst.

Klingt einfach? War es auch! Und noch einmal: ich bin mir sicher, dass es nicht mit allen Kindern so unkompliziert läuft. So bin ich sehr gespannt, wie es bei unserem zweiten Kind sein wird. Vielleicht wird es ihn sehr reizen, wenn er die Gummibärchen bei seinem großen Bruder sieht. In seinem ersten Jahr wird es nicht zur Debatte stehen- da wird es für ihn kein Zucker geben. Und danach? Das werden wir sehen. Und seinen Bedürfnissen anpassen.

Puh. Ganz schön lang geworden. Ich bin gespannt was du dazu denkst. War es interessant für dich? Hast du Fragen dazu? Magst du vielleicht berichten wie es bei dir und deinen Kindern war? Ich freue mich so von anderen Erfahrungen zu lesen!

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