Eine Nachricht, die mir Gänsehaut macht. Wie so oft, wenn ich Geburtsberichten lausche. Die Nachricht von meiner Freundin Linda, rührt mich sehr und ich muss ihr sofort antworten. Aber von vorn:

Linda schreibt mir:

„…ich hätte mir  jemanden gewünscht, der versteht wie es sich anfühlt, wenn die Hebamme bei der Geburt kein bisschen auf einen eingeht. Wenn am Ende alle Wünsche ignoriert werden und man sich ausgeliefert und hilflos fühlt. Alle sagen nur: „naja, es ist doch rum. Und es kam ja was Gutes dabei raus. Stimmt ja auch.“

(ich frage nach, ob sie mir mehr erzählen mag: )

„Es war gar nicht so dramatisch, ich hatte nur diesen einen großen Wunsch. Ich wollte mein Baby mit auffangen. Ich wollte ihn gleich mit meinen Händen halten. Als ich in den Kreißsaal kam, war eine Hebamme da, die gerade erst zum Nachtdienst gekommen ist.

Sie hat mir nicht zugehört. Ich sollte auf das Kreißbett. Immer wieder habe ich gesagt, dass ich auf den Hocker möchte. Ich wusste, ich könnte besser nach unten pressen. Sie hat immer nur gesagt: „Nach der nächsten Wehe!“.  Bis sie irgendwann gesagt hat: „Zu spät, jetzt kommt er schon.“ Sie hat mit mir geschimpft weil ich die Beine nicht richtig gehalten habe, aber das war einfach ein Reflex. Ich konnte es wirklich nicht anders. Als das Baby kam, hat die Hebamme meine Hände weggeschoben, ich durfte nur den Kopf anfassen, als er draußen war.

Jetzt muss ich doch tatsächlich immer noch weinen, wenn ich das schreibe. Ich konnte mich während der Schmerzen einfach nicht wehren. Ich fand es auch so schade, dass sie darauf bestanden hat ihn gleich abzunabeln, sobald er auf mir lag.“

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Linda

Meinen Brief an Linda darf ich hier öffentlich zeigen. Denn es ist ein Brief nicht nur an Linda sondern an alle Frauen, die während der Geburt Dinge erlebt haben, die sie nicht erleben hätten sollen. Frauen, die sich übergangen fühlen, würde- und respektlos behandelt gefühlt haben und das Gefühl von Hilflosigkeit und Scham, wie Linda, kennenlernen mussten.


 

„Liebe Linda,

deine Nachricht berührt mich sehr und auch mir kommen beim Lesen die Tränen. Du schreibst, es sei nicht dramatisch. Ich finde es dramatisch. Sehr sogar. Das was du erlebt hast, sollte keine Frau erleben müssen. Und damit meine ich zwei Dinge. Zum einen, das was du bei der Geburt erlebt hast- du schreibst, dein Wunsch wurde ignoriert und du wurdest unter der Geburt „geschimpft“, weil du etwas „nicht richtig“ gemacht hast. Das allein ist furchtbar. Doch da kommt noch etwas ebenso Schlimmes dazu. Das Gefühl, mit dem du allein gelassen wirst. Allein gelassen von denen, die es dir angetan haben (in deinem Fall der Hebamme) und auch von deinem Umfeld.  Zu sagen. „naja, es ist doch rum. Und es kam ja was gutes dabei rau!“  ist fast genauso ein Vergehen an dir, wie die eigentliche Verletzung, die dir im Kreißsaal zugefügt worden ist.

Das, was du im Kreißsaal erlebt hast, ist unrecht. Es wurde dir Unrecht getan.

Es war deine Geburt. Dein Kind. Dein Wunsch.

Du hattest das Recht, wie alle Gebärenden, auf eine selbstbestimmte, würdevolle  und respektvolle Geburt, aus der du gestärkt herausgehen solltest. Das alles wurde dir genommen. Es ist ein Verbrechen eine Frau so zu behandeln, dass sie sich ihres Wunsches beraubt fühlt, sie zu „schimpfen“ weil sie die Befehle einer Fremden nicht befolgen kann ist Verletzung der Würde. Dich mit diesen Verletzungen allein zu lassen ist eine Respektlosigkeit.

Und um Missverständnissen  vorzubeugen:  natürlich gibt es Gründe, warum es wichtig sein kann, dass eine Frau ihr Kind in einer anderen Position gebiert als auf dem Hocker. Es kann auch Gründe geben, einer Frau unter der Geburt in einem deutlichen und bestimmten Ton zu sagen, was sie machen muss (wenn es geburtshilflich notwendig ist) und darauf zu bestehen. Genauso wie es für viele weitere invasive Dinge unter der Geburt gute Gründe geben kann. Doch das, worauf es ankommt, ist: die Würde und den Respekt der Frau zu bewahren. Ich bin mir sicher, dass es nicht immer möglich ist, alle Wünsche einer Frau zu erfüllen. Aber das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt ist: was wird der Frau vermittelt und wie geht es ihr danach. Es gibt einen Unterschied dazwischen, ob ein Wunsch nicht in Erfüllung gehen konnte (z.B. weil es geburtshilflich nicht möglich war) oder ob der Wunsch ignoriert wurde und die Frau damit ihres Wunsches beraubt.  Du hättest dich sicher anders gefühlt, wenn die Hebamme dir in der Wehenpause in die Augen gesehen hätte und gesagt hätte: „Ich habe Sie gehört, ich habe ihren Wunsch wahr genommen. Im Moment ist es wichtig, dass Sie hier liegen, weil so und so…, sollte es möglich sein, dass Sie noch auf den Hocker können, werde ich Ihnen bescheid geben.“ Doch das Verhalten deiner Hebamme war respektlos und verletzend.

Schlimm genug. Doch nun kommt hinzu, dass dir das Recht genommen wird, dieses Erlebnis zu betrauern. Das Umfeld, dass dir sagt: „Ende gut, alles gut.“ Doch so ist es oft einfach nicht. Natürlich ist es wichtig, dass du und dein Kind gesund seid. Und es ist gut, dankbar für dieses Glück zu sein. „Hauptsache es sind alle gesund!“ das ist ein Spruch, der in diesem Zusammenhang oft gesagt wird. Und ich finde, das ist falsch. Das alle gesund sind, das ist wichtig, ohne Frage. Aber es ist auch wichtig, dass wir Frauen unter der Geburt nicht verletzt, gedemütigt oder gekränkt werden. Und wenn das doch eintritt, wie es bei dir und so vielen anderen Frauen der Fall ist, dann müssen wir das Recht haben darüber zu sprechen und dieses Erlebnis zu betrauern! Denn es ist traurig!

Ich verstehe, dass es oft gerade die Menschen sind, die uns trösten wollen, die so etwas sagen „Ach jetzt ist es ja vorbei!“ doch es ist nicht tröstend. Es ist das Gegenteil.

Liebe Linda. Ich möchte dich einladen traurig zu sein. Und es aus zu sprechen. Du musst nicht sagen: „so dramatisch war es nicht“. Aus deinen Zeilen lese ich, dass es schlimm war. Für dich. Für dein Herz. Und ich habe es schon oft gehört in den Erzählungen von Frauen. Da steckt eine Traurigkeit und Verletzung in den Worten, die da keinen Platz findet. Die sich versteckt hinter den Worten und am Ende des Berichtes oft mit dem Satz: „ach, jetzt ist ja alles gut und so schlimm war es auch gar nicht!“ weggewischt wird.

Ich möchte dir und allen Frauen Mut machen: traut euch die Trauer, Angst, Wut oder Enttäuschung zu fühlen und auch aus zu drücken! Ihr dürft es, entgegen der gesellschaftlichen Erwartung, fühlen und ausdrücken! Es wird dadurch nicht schlimmer, es ist der erste Schritt der Verarbeitung! Ihr seid es WERT, euch anzuhören und ihr habt das Recht auf alle Gefühle!

Steht (innerlich) auf und gebt eurem Erlebten eine Stimme! Tut es nicht ab, als ob da nichts wäre! Wenn es Platz bekommt, dann wird es irgendwann kleiner. Und dann kannst du irgendwann Frieden damit schließen. Das geht jedoch nicht, wenn es gar nicht da sein darf.

Vertraue dich jemandem an. Schreibe es auf. Schreibe es mir. Wenn du magst und es sich richtig anfühlt, sprich auch mit einem Profi darüber. Frag die Hebamme deines Vertrauens nach einem Gespräch oder suche dir einen Therapeuten, der daran mit dir arbeitet. Also, wenn sich das richtig anfühlt. Fühl in dich hinein, was dir gut tut. Die Geburten unserer Kinder sind Erfahrungen, die uns prägen. Die wir nie vergessen. Zumindest die Gefühle des Erlebten vergessen wir nicht. Die Intensität des Schmerzes, die Wandfarbe des Kreißsaals, der Name der Hebamme. All das vergessen wir vielleicht. Doch das, wie wir uns Gefühlt haben, das vergessen wir nicht. Das bleibt. Und darum muss es ernstgenommen werden.

Liebe Linda, du hast ein Kind auf die Welt gebracht! Welch Wunder! Und ich bin mir sicher, dass du es großartig gemacht hast. Du hast nichts verkehrt gemacht. Warum ich das sicher weiß, ohne dabei gewesen zu sein? Weil ich bei all den Geburten, bei denen ich anwesend war,  noch nie, wirklich noch NIE eine Frau erlebt habe, die etwas falsch gemacht hat. Jeder Frau, die ein Kind (ganz egal wie!!!) auf die Welt gebracht hat, verdient tiefsten Respekt und Demut dieses Wunders gegenüber. Denn es ist ein Wunder und eine un-vorstellbare Leistung.

Einem Kind das Leben schenken. Größtes Wunder. Wunder deines Lebens. Wunder des Lebens.

In tiefer Verbundenheit, deine Freundin Jule“

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Lindas kleines Wunderwesen


Dich berührt das Thema? Dann teile diesen  Artikel gern. Möglichst viele Frauen sollen ermutigt werden, ihre Geschichte zu erzählen/auf zu schreiben.

Wenn du magst, kannst du mir von deiner Geschichte erzählen. Ich lese sie gerne und behandle deine Nachricht natürlich vertraulich. Wahrscheinlich ist es mir nicht möglich inhaltlich darauf ein zu gehen, aber das Schreiben allein wird dir helfen.

Weitere Infos zu diesem Thema findest du auch auf der Seite „gerechte Geburt“ oder auf facebook unter roses revolution.

Du hast Lust dich mit anderen Frauen aus zu tauschen, die ähnliches erlebt haben? Vielleicht schreibst du mir einfach eine kurze Mail, dann kann ich vielleicht Kontakte zwischen euch herstellen!

 

 

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