Liebe Lena,
ihr wünscht euch ein Kind. Seit ein paar Monaten verhütet ihr nicht mehr. Noch bist du nicht schwanger geworden. Langsam hat sich Enttäuschung und Traurigkeit bei dir eingeschlichen. Du fragst dich, „warum es nicht klappt“ obwohl ihr nun schon seit einiger Zeit „übt“. Und ob ihr vielleicht „etwas falsch“ macht oder „nicht gut genug seid“.
Es tut mir so leid für dich, dass du dich mit solchen Gedanken beschäftigen musst. Und ich bin mir sicher, du bist mit solchen Gedanken nicht allein. So geht es vielen Frauen, die auf eine Schwangerschaft warten.
Ich glaube, das sind alles Gedanken und Ideen, die durch unsere gesellschaftliche Sicht auf das Schwangerwerden geprägt sind. Und das fängt, wie so oft, schon bei den gängigen Formulierungen an. Da wird vom „Kinder machen“ oder sogar „Kinder produzieren gesprochen“. Das suggeriert, dass das Schwangerwerden etwas ist, was in unserer Hand liegt. Etwas, was wir „können“ oder eben auch nicht. Etwas, was wenn es nicht klappt an unserem Unvermögen liegt.
Und ich möchte dir sagen: so ist es ganz sicher nicht.
Es ist viel mehr so, dass wir ein Kind einladen können, zu uns zu kommen. Wenn sich ein Paar (Mann und Frau) entscheiden die Verhütung weg zu lassen, dann ist das eine biologische Einladung an ein Kind. Dadurch, dass wir die biologische, genetische Grundlage schaffen, kann ein Kind entstehen. Doch es muss nicht. Und das ist letztlich für niemanden eine Überraschung: nicht aus jedem ungeschützten Geschlechtsverkehr (auch wenn dieser zum optimalen Zeitpunkt geschieht,) entsteht eine Schwangerschaft. Es scheint also noch etwas dazu zu gehören. Etwas, was nicht in unserer Hand liegt. Etwas, was wir nicht beeinflussen können.
Und das ist das Leben. Das Schicksal. Oder die Götter. Wie auch immer wir es nennen wollen, es ist etwas, was viel Größer ist als unser individueller Wunsch und Lebensplanung.
Oft ist es ja so, dass ein Paar auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um Eltern zu werden. Und wenn sie so weit sind, soll der Wunsch bitte in Erfüllung gehen. Das ist in einem sehr engen Radius gedacht. Da geht es darum, wann es in das Leben zweier Menschen passt. In das Leben der Mutter und des Vaters. Doch das Leben eines Menschen, eines Kindes, zeiht so viel weitere Kreise also nur in diesem engen „Mutter-Vater-Kind-System“.
Jeder Mensch, der geboren wird hat eine Aufgabe im Leben. Einen Sinn. Sein Leben zieht große Kreise. Kreise, die mit unserem beschränkten Bewusstsein gar nicht zu begreifen ist.

Jedes Kind, das geboren wird, ist ja nicht nur Sohn oder Tochter. Sondern auch Bruder/ Schwester, Enkel/Enkelin, Neffe/ Nichte. Und irgendwann vielleicht Freund/Freundin, Ehemann/Ehefrau, Kolleg/Kollegin, Feind/Feindin, Gegner/Gegnerin. Nachbar/Nachbarin, Geliebter/Geliebte. Und das alles nicht ohne Grund. Nicht zufällig.
Jeder Mensch, der geboten wird, hat eine große Bedeutung für die Welt. Und so ist es kein Zufall, welches Kind wann zu welchen Eltern kommt. Ein Kind kommt zu den Eltern, in der Zeit, an den Ort, an dem es sich verwirklichen kann.
Unsere Kinder werden uns geschickt. Weil es der Beginn ihres Lebensweges ist, als unsere Kinder geboren zu werden. Damit sie ihre Aufgaben in der Welt erfüllen können.
Mit anderen Worten: euer Kind wird zu euch kommen, wenn seine Zeit gekommen ist. Ihr könnt ihm immer wieder eine Einladung aussprechen. In jedem Zyklus könnt ihr die Bedingungen schaffen, dass euer Kind zu euch kommt. Mehr könnt ihr nicht tun. Es liegt nicht in Menschenhand, ob diese Einladung angenommen wird, oder nicht.
Und es hat auch nichts damit zu tun, ob ihr gute Eltern sein würdet. Oder nicht. Und es hat auch nichts damit zu tun, ob du entspannt bist. Oder nicht. Und auch nicht, ob ihr schon lange „übt“. Oder nicht. Ihr könnt 5 Jahre nicht verhüten und dann wirst du vielleicht im März 2017 schwanger. Oder ihr verhütet konsequent und zuverlässig. Außer das eine einzige Mal im März 2017. Dann wirst du schwanger. Einfach, weil dann die Zeit für euer Kind gekommen ist.
Das, worauf es ankommt ist, ob die Zeit für euer Kind reif ist. Oder nicht.
Liebe Lena, du und dein Mann, ihr seid nicht verantwortlich dafür, wann euer Kind zu euch kommt. Es liegt schlicht und ergreifend nicht in eurer Hand. Nicht in Menschenhand.
Ich wünsche dir ein offenes Herz und immer wieder den Mut und die Offenheit euer Kind einzuladen.
Verzage nicht. Vertraue. In das Schicksal. Oder das Leben. Oder die Götter. In dein Kind. Das es zu seiner Zeit den Weg zu euch finden wird. Ich bin überzeugt, das wird es.

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Alles Liebe, deine Jule

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