Liebe Hanna,

als du mir vor ein paar Tagen erzählt hast, dass du schwanger bist, hast du mir gesagt, dass du dich noch nicht richtig freuen kannst. Du bist in der 9. Schwangerschaftswoche, also im 2.Monat. Du weißt erst seit kurzem, dass du schwanger bist.

Du begründest deine noch-nicht-Freude mit der Angst, was in den ersten Wochen alles passieren kann, „Denn man weiß ja nicht was alles noch passiert.“. Als Ärztin weißt du sehr genau, dass sich Schwangerschaften in den ersten Wochen manchmal von ganz allein verabschieden. Eine Frau die eine Fehlgeburt erlebt, geht oft durch eine Zeit voll Trauer und Enttäuschung.

Natürlich ist der Versuch sich vor dieser Trauer und Enttäuschung schützen zu wollen völlig verständlich. Aber weißt du, liebe Hanna, wir können uns davor nicht schützen. So sehr wir auch versuchen unsere Freude nicht aufkeimen zu lassen, uns vor der Enttäuschung verstecken wollen, es wird uns nicht gelingen. Denn weißt du, wir wissen nie, was noch alles passieren wird. Sind die ersten 12 Wochen einer Schwangerschaft vorüber, sinkt zwar das statistische Risiko einer Fehlgeburt, aber das hat letztlich wenig mit unserer individuellen Geschichte zutun.

Das sind ehrliche Worte, die einem im ersten Moment einen Schrecken einjagen können. Als ich mit meinem kleinen Jungen schwanger war, lag ich ein paar Tage im Krankenhaus, weil ich drei Monate zu früh Wehen hatte. Ich hatte fürchterliche Angst, mein Kind könnte viel zu früh geboren werden. Doch es wendete sich zum Guten und ich durfte ein paar Tage später ohne Wehen nach Hause gehen. Einige Zeit später hatte ich einen Kontrolltermin bei einer Ärztin. Ich erzählte ihr, dass die Sorge um mein Kind bliebe. Und da sagte sie etwas, was mich sehr erschrocken hat: „Wissen Sie, diese Angst gehört zum Muttersein dazu. Sie wird nicht vergehen, solange Sie sind. Mal ist die Angst größer und dann wieder kleiner. Wir haben nie die Garantie, dass es unseren Kindern gut geht, dass sie gesund sind oder bleiben.“ Ihre Worte haben mir vor Augen geführt, dass meinem Kind jederzeit etwas zustoßen könnte, ich es jeder Zeit verlieren könnte.

Und diese Erkenntnis hat mir Angst gemacht. Und Hoffnung. Denn Hoffnung ist das einzige, was wir dieser Angst entgegen setzen können. Die Hoffnung, dass alles gut gehen wird. Denn eine Gewissheit gibt es nicht. Niemals.

Hoffen heißt, zuversichtlich zu sein. Positiv in die Zukunft zu schauen. Obwohl da eine große Ungewissheit ist.

Und hoffen, das tun wir jeden Tag. Das hält uns am Leben. Denn keiner von uns weiß, wie die Zukunft aussieht. Wie es uns morgen gesundheitlich geht, wie lange wir unser Leben an der Seite unserer Lieben verbringen dürfen. Unser Leben könnte sich innerhalb von Stunden, sogar Minuten ändern. Aber an den meisten Tagen bringt uns diese Erkenntnis nicht dazu den Kopf in den Sand zu stecken oder zu sagen: „es ist alles gut, aber ich freue mich lieber nicht, es könnte schließlich morgen zuende sein.“ Nein, statt dessen hoffen wir. Wir schauen zuversichtlich in die ungewisse Zukunft.

In der Schwangerschaft gelingt uns das insbesondere in den ersten Wochen oft nicht so gut. Was sicher auch ein gesellschaftliches Thema ist. Es ist gesellschaftlich anerkannt oder sogar gewollt und gewünscht, dass wir erst nach 12 Wochen darüber sprechen, das wir schwanger sind. Weil die Schwangerschaft in einer Fehlgeburt enden könnte. Und dann?!? Dann dürfen wir nicht überunsere Trauer, unseren Verlust sprechen? Wir sollen es lieber selbst mit uns aus machen, in den eigenen vier Wänden? Weil wir mit trauernden Mitmenschen nicht umgehen wollen?

Ich wünsche mir, dass jede Frau für sich entscheidet, wann sie wem von ihrer Schwangerschaft erzählt. Und ihrer Freude. Und dem Glück. Und der großen Hoffnung. Und wenn die Befürchtung eintritt, dass die Schwangerschaft viel zu früh endet, wünsche ich ihr Menschen an ihre Seite, die sie durch die Trauer und Enttäuschung begleiten. Denn ihr stehen diese Gefühle zu. Aber das ist noch mal ein ganz eigenes Thema. Kommen wir zurück zu der Hoffnung.

Weißt du, früher hat man oft gesagt, eine Frau „ist guter Hoffnung“, wenn sie schwanger ist. Und das ist ein schöner Ausdruck. Denn eine Schwangerschaft ist zunächst etwas unbegreifliches. Etwas nicht greifbares. Wir können schwer vorhersehen was uns erwartet, was es mit sich bringt. Dazu kommt die Hormonumstellung, die uns Frauen ganz schön zusetzen kann. Außerdem müssen wir in eine neue Rolle wachsen. Das ist oft auch mit Unsicherheiten verbunden.

Aber was uns hilft, ist die Hoffnung. Gute Hoffnung. Denn die statistische Wahrscheinlichkeit, dass wir nach 40 Wochen Schwangerschaft ein Kind in den Armen halten werden ist viel höher als die, dass wir in den ersten 12 Wochen eine Fehlgeburt haben.

Ich möchte dich also einladen guter Hoffnung zu sein. Du darfst dich freuen. Du darfst glücklich sein. Du musst nicht, manchmal brauchen diese Gefühle auch Zeit zu wachsen, aber bitte, bitte, unterdrücke sie nicht, um eine gesellschaftliche Erwartung zu erfüllen. Lass dich von der Angst, die uns Mütter begleitet, nicht überwältigen. Schaue zuversichtlich auf die Dinge die da kommen. Hoffe. Denn es gibt jeden Grund dazu.

Ich wünsche dir und deinem Kind von Herzen nur das Beste. Und ich freue mich. Riesig. Über deine Schwangerschaft.

Deine Jule

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